
Vermutlich habe ich die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt, denn erst vor Kurzem bin ich auf Rupi Kaur gestoßen – ein wahrer Glücksfall, wie sich herausstellte. Ihre Fähigkeit, mit nur wenigen Worten ein so lebhaftes Kopfkino zu erschaffen, ist bewundernswert. Die Gedichte in ihrem Buch „Die Blüten der Sonne“ haben mich auf eine Weise berührt, die schwer in Worte zu fassen ist. In diesem Poesieband ist jedes Gedicht einem Stadium einer Blume zugeordnet – welken, fallen, wurzeln schlagen, wachsen, blühen. So schlicht, so wirkungsvoll und dabei unbeschreiblich schön.
Rupis Art der Poesie wird oft als Instapoesie bezeichnet. Instapoesie bezieht sich auf die Kunst des Schreibens und Teilens kurzer, prägnanter und visuell ansprechender Gedichte im Internet. Diese Form der Poesie umfasst verschiedene Stile und Themen, von romantischer Lyrik über philosophische Gedanken bis hin zu politischen Botschaften. Instapoesie steht häufig in der Kritik, da sie als oberflächlich und profitgetrieben angesehen wird und sich zudem deutlich von traditioneller Dichtkunst unterscheidet. Kritiker bezeichnen sie abfällig als „McDonald’s Writing“ und betrachten sie als eine narzisstische Ausdrucksform des Kapitalismus, die von einer jungen, ängstlichen Generation konsumiert wird, die nur nach Ablenkung sucht. Weiterhin wird kritisiert, Instapoesie wäre banal und würde sich an weit verbreiteten Klischees und simplen Metaphern bedienen.
Glücklicherweise entscheidet am Ende jede:r für sich, welche Poesie berührt, inspiriert oder zum Nachdenken anregt. Mich hatte Rupi mit folgenden Zeilen:
„du verdienst es
dass man dich ganz in
deiner Umgebung findet
nicht verloren darin“
(Milch und Honig, 2015)
Als Rupi im Jahr 2014 ihren ersten Poesieband „milk & honey“ in Eigenregie veröffentlichte, wurde ihr gesagt, dass es keinen Markt für Poesie gäbe. Niemand würde so etwas kaufen. Heute zählt „milk & honey“ zu den meistverkauften Poesiebüchern des 21. Jahrhunderts weltweit.
