
Meine Prokrastination streckt und rekelt sich genüsslich. Sie wackelt mit den Zehenspitzen und lässt die Finger knacken. Heute wird ein guter Tag, das weiß sie und wir beide haben viel zu tun: die Küche aufräumen, den Abwaschberg besteigen, die dreckige Wäsche waschen und die saubere ordentlich in den Schrank legen. Den Desktop sortieren und die Unterlagen für den Steuerberater. Das E-Mail-Fach quillt ebenfalls über und was ist eigentlich mit dem Stapel Notizzettel, der auf dem Schreibtisch bereits Schimmel ansetzt? Was Prokrastination aber gänzlich ignoriert, ist die kleine Liste mit den vier wichtigen Aufgaben, welche zusätzlich mit einem Datum versehen sind. Mit so etwas kann sie nichts anfangen, also muss ich mich wohl allein darum kümmern. Doch ich habe nicht mit dem Erwachen meines Widerstandes gerechnet.
Es ist, als würde ich mit dem Ärmel an einer Türklinke hängenbleiben und zurück gerissen werden. Ein heftiger Ruck geht durch meinen Körper und ich kann keinen weiteren Schritt mehr tun. Ich lasse mich auf das Sofa fallen. Mein Widerstand grinst und reibt sich die Hände. Jetzt hat er mich da, wo er mich haben will. Unverrückbar und unnachgiebig hockt er auf meiner Brust und lässt mich sein ganzes Gewicht spüren. Wie eine Katze rollt er sich ein und – ist das etwa ein Schnurren? Ich kraule ihn hinter den Ohren, denn eigentlich ist es ganz gemütlich zusammen hier. Mit meiner freien Hand taste ich vorsichtig nach dem kleinen Zettel mit den vier datierten Aufgaben. Doch erst als meine Zeit fast abgelaufen ist, erwacht der Widerstand auf meiner Brust und trollt sich.
Ich will gerade aufatmen, da kommt sich auch schon um die Ecke: Die Deadline. Sie liebt es, pompöse Auftritte und dramatische Gesten eindrucksvoll zu kombinieren. Tick Tack macht die Uhr. „Einer Explosion nah“, sagt die Deadline. Endlich erwache ich aus meinem Dornröschen-ähnlichem-Widerstandsschlaf und gerate in Panik. Der Prinz hat sich die Zähne nicht geputzt, die Deadline steht kichernd in der Zimmerecke wie Hexe Nummer 13 und die kleine Liste mit den vier wichtigen Aufgaben hat sich nach 100 Jahren Pause mindestens verdreifacht. Es ist mir ein Rätsel, wie ich jedes Mal wieder in diese Situation gerate. Doch das viel größere Rätsel ist, wie ich es dennoch am Ende immer pünktlich schaffe und dabei das Gefühl vermittle, dass alles ganz easy und entspannt abgelaufen ist. Ich denke dabei an meine Facharbeit, für die ich fünf Monate Zeit hatte, welche sich jedoch in einem Wimpernschlag der Zeit plötzlich und unerwartet in fünf Wochen verwandelt haben. Konsequenz? Bestanden. Widerstand sagt: „Siehste! Warum du immer so einen Stress machst.“ Deadline meint: „Bei dir ist es schön, ich komme wieder.“ Und ich? Ganz ehrlich, ich kann das nicht mehr. Aber dafür sind meine Fenster jetzt geputzt.
