
Heute ist Abreisetag. Keine Sonne bisher, nur dicke, graue Wolken. Besser könnte es eigentlich nicht sein – so fällt mir der Abschied leichter. Denn auch wenn ich mich auf Zuhause freue, war es doch schön hier. Warm, sonnig, ein verlängerter Sommer, den ich dringend gebraucht habe. Ich denke, nach zwei Wochen fällt ein Abschied immer schwer, weil man sich mit dem Ort verbindet, an dem man seine Zeit verbracht hat, auch wenn dieser weit entfernt der Heimat ist. Vielleicht vor allem dann. Man wird ein Teil seiner Umgebung, lässt ein Stück von sich dort.

Ich habe meine Zeit auf Kreta nicht in einem gesichtslosen Hotel in einer Touristenhochburg verbracht, sondern zwei Wochen in einem Haus gewohnt, das von seinem Besitzer eigenhändig gebaut wurde und in dem er in den Wintermonaten selbst lebt. Ich habe mit den Katzen abgehangen und mit dem Hund gespielt. Mich mit den Ameisen auf der Terrasse angefreundet und herausgefunden, wie ich sie beschäftigen kann, während ich dort esse (eine Toastkrümelspur ist die Lösung!). Ich habe den Ausblick auf die White Mountains in mich aufgesogen und mich mit den Besitzern der örtlichen Taverne angefreundet. Ja, ich kann mit Recht sagen, dass ein Teil von mir hier bleibt. An diesem authentischen Ort auf Kreta, wo ich als Tourist eine absolute Minderheit darstelle und mich den Regeln der Einheimischen anpassen durfte.

Mir ist nicht klar, ob ich je wieder herkommen werde, aber ich weiß, dass ich hier war und in die Andersartigkeit dieser Insel eintauchen konnte. Und dass heute, zum ersten Mal seit zwei Wochen, die Sonne fehlt, scheint wie eine Übereinkunft, die wir wortlos geschlossen haben. Ich werde heute abreisen, und das Wetter erleichtert mir den Abschied. Zuhause, auch das scheint mir eine Übereinkunft zu sein, wird es tagsüber genauso warm werden wie jetzt auf der Insel. Keine allzu große Umstellung also, bevor der späte Herbst seine Regentschaft antritt und mich wieder nach der Sonne des Südens sehnen lässt. So nehmen die Jahreszeiten ihren Lauf, und ich laufe mit ihnen. Erst Sommer, dann Herbst, schließlich Winter, in dem ein neues Jahr anbrechen wird. Doch für dieses Jahr heißt es ein letztes Mal Spätsommer.

