
Das Gespräch dreht sich schon eine Weile um freigewählte und naturgegebene Tode. Ich klinke mich gedanklich aus und denke an das schwarze Kleid in meinem Schrank. Es hat schon mehr Tode gesehen, als es vertragen kann. Ich möchte heute nicht über den Tod nachdenken. Mir ist nicht klar, dass dieses Gespräch ein Vorbote ist. Einer der vier Apokalyptischen Reiter. Dabei hatte der ganze Tag schon etwas von Abschied. Das letzte Mal kam diese mir liebgewonnene Gruppe Menschen in dieser Konstellation zusammen. Das letzte Mal saßen wir gemeinsam um die eckigen Tische und diskutierten über das Leben. Und heute auch über den Tod. Ich wollte nicht wahrhaben, dass heute ein Tag der Abschiede war. Abschiede. Mehrzahl.
Am frühen Abend klingelt mein Telefon. Er war friedlich eingeschlafen. Zwei Monate vor seinem 98. Geburtstag. Ein langes, erfülltes Leben lang hat sein Herz geschlagen, bevor es seinen Dienst quittiert hat. Knapp zehn Jahrzehnte haben seine Augen die Welt betrachtet, bevor sie sich für immer schlossen. Es ist in Ordnung, nach so langer Zeit in Frieden zu gehen. Wir haben damit gerechnet. Trotzdem überschwemmt mich Wehmut. Ein letzter Fels in der Brandung. Der Letzte seiner Art. Fast 100 Jahre Erfahrung, Geschichte, Weltsicht, gesammelt in einem einzigen Menschenleben. Eine ganze Generation verlässt die Bühne. Haben wir ausreichend zugehört? Genug von ihnen gelernt? Ich für meinen Teil bleibe demütig und dankbar zurück, dich gekannt zu haben.
Das schwarze Kleid hängt noch immer im Schrank. Ich habe es all die Jahre aufgehoben, weil ich wusste, dass ich es eines Tages wieder tragen werde. Heute ist dieser Tag. Neun Jahre hing das schwarze Kleid im Schrank und wartete auf seinen letzten Einsatz. An deinem Grab wird es dir die letzte Ehre erweisen.
