
Beim Nachbarn im Garten stand einst eine stolze Tanne. Dann kam der Borkenkäfer. Zwar ließ er die Tanne in Frieden, beschädigte dafür aber alle Fichten in einem Umkreis von 100 km. Mit der Zeit wurde jede einzelne tote Fichte gefällt, und was übrig blieb, waren eine schattenlose Freifläche und der einzelne Tannenbaum im Garten meines Nachbarn. Er stand plötzlich sehr verloren zwischen all den Laubbäumen. Glich einem Außenseiter. Ich habe mal gelesen, dass Bäume miteinander kommunizieren können, aber ich kann mich nicht erinnern, ob es auch zwischen verschiedenen Arten möglich ist. Die Tanne steht noch immer allein. Ich schaue oft zu ihr hinüber. Während sie anfangs noch grün und buschig ihre Umwelt erfreut hat, ist sie heute nur noch ein kahles, braunes Ding, weit entfernt vom Glanz ihrer alten Tage. Mit jedem vergangenen Jahr nahm sie mehr ab, verlor mehr an Imposanz. Ich frage mich, ob sie vielleicht einsam ist. Ob sie immer weiter abbaut, weil sie nicht zu den anderen Bäumen gehören kann. Ab und an setzt sich eine Amsel oder Elster auf ihre vertrockneten, nadellosen Äste. Ob sie wohl auch eines Tages gefällt wird, so wie all die Fichten um sie herum? Hatte auch sie mit Ungeziefer und Schädlingen zu kämpfen – oder ist es am Ende doch die Einsamkeit, die ihr zu schaffen macht? Wenn sie nur wüsste, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Ich bin ihr eine langjährige Freundin, auch wenn uns ein Zaun aus Hecken trennt. Mir tut es leid um die letzte Tanne hier auf dem kleinen Bergrücken. Ihr Duft ist längst verweht, und doch krallen sich ihre Wurzeln noch immer in die Erde. Bereit sich festzuhalten, komme, was da wolle.
