
Denkst du manchmal noch an mich? Erinnerst du dich an die Farbe meiner Augen und den Duft meiner Haut? Fragst du dich, wo wir heute wären, hätten wir nicht alles gegen die Wand gefahren? Fragst du dich, wer wir wären, hätte uns das Leben nicht so brutal getrennt? Erinnerst du dich noch an meine ersten Worte? Und an meine Letzten? Liegst du manchmal nachts wach, wenn die Turmuhr Mitternacht schlägt, und siehst den Schmerz in meinen Augen vor dir? Hörst du dann, wie mein Herz bricht, immer und immer wieder? Kannst du fühlen, wie alle Luft aus meinen Lungen weicht? Schmeckst du den Verrat auf deiner Zunge? Riechst du das Salz meiner Tränen? Mitternacht, so sagt man, ist der Schleier zwischen gestern, heute und morgen besonders dünn. Was ist, wenn auch die Verbindung zwei Verstorbener so dünn ist, wie sonst zu keinem Zeitpunkt? Gerade wollte ich ins Reich der Träume fliehen, doch jetzt bin ich hellwach. Ich höre die Turmuhr Mitternacht schlagen. Und deine Stimme in meinem Ohr, die alle Gemeinheiten wiederholt, die du mir an den Kopf geworfen hast, wie Ziegelsteine. Ich kann spüren, dass mein Herz mir davonhoppelt, wie ein Hase unter Gefahr. Bin ich in Gefahr? Im Dunkeln kann ich das nicht sagen. Dein Gesicht verfolgt mich. Ich schmecke die Enttäuschung auf meiner Zunge. Die Luft riecht nach verbrannten Träumen. Ich bekomme kaum noch Luft und weiß doch, dass morgen früh alles wieder gut sein wird. Das ist es immer. Bis zum nächsten Glockenschlag – Punkt Mitternacht.
