Mit einem Gefühl von Freiheit

Ich phantasierte über ein richtiges Abendessen, ein weiches Bett, eine frische Dusche und anständigen Schlaf ohne Unterbrechungen. Seit drei Tagen war ich nun schon unterwegs. Meine Schultern fühlten sich bereits seit dem ersten Tag taub an. Meine Füße schmerzten seit Tag zwei. Schweiß krustete an meinem Körper und vermutlich stank ich fürchterlich, doch ich konnte mich glücklicherweise selbst nicht riechen. Was für eine irrsinnige Idee, 110 Km in vier Tagen laufen zu wollen. Ohne Training, ohne Erfahrung. Meine Stimmung kippte stündlich zwischen Ehrfurcht vor diesem Vorhaben und Ungläubigkeit über meine Dummheit. Ich liebe das Wandern, aber die letzten Tage hatten nichts mit vergnüglichem, entspanntem Laufen durch die Natur zu tun. Jeden Kilometer, den ich bergauf ging, musste ich später auch wieder herunterlaufen. Oft mehrmals am Tag. Traumhafte Ausblicke wechselten sich mit endlosen, eintönigen Waldwegen ab. Die Sonne brannte entweder erbarmungslos auf meiner Haut oder es war so schwül, dass ich kaum Luft bekam. Je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr Pausen brauchte ich, aber desto weniger Pausen konnte ich machen. Denn das Aufstehen und erneute Loslaufen war noch schmerzhafter als einfach immer weiter zu laufen. Tag für Tag, von früh bis spät. Diese Wanderung war ein Grenzgang für meinen Körper, an dem einfach alles weh tat. Doch mehr noch war sie ein Grenzgang für meinen Verstand, der unablässig zwischen Stolz und Zweifel, zwischen Empowerment und Verzweiflung lamentierte. Aber ich war nun mal hier und setzte einen Fuß vor den anderen. Mein Rucksack wie ein Stein an meinem Rücken. Die Zehen mit Pflastern beklebt. Meine Haare verschwitzt. Und gleichzeitig mit einem Gefühl von Freiheit in der Brust, dass mir niemand je wieder wegnehmen kann.