Im Mantel der Nacht gehüllt

Ich frage mich: Wie fein muss man mit sich selbst und seinem Leben sein, um nachts wachliegen zu können, ohne von seinen Nachtgedanken aufgefressen zu werden? Nachts wirken selbst die harmlosesten Dinge gruselig. Ist es das Fehlen von Licht? Die überproportionalen Schatten? Oder dass ich nicht mehr ganz wach und klar mit mir und der Welt bin? Ich bin ehrlich, ich grusele mich vor meinen Nachtgedanken. Sie sind herrisch, zerstörerisch, grausam und gemein zu mir. Sie flüstern mir Dinge ein, die ich bei Tageslicht betrachtet keine Sekunde glaube. Aber im Mantel der Nacht gehüllt, machen sie sich wichtiger, als sie sind. Nehmen sich wichtig und stolzieren umher, als gehöre ihnen alles. Meine Nachtgedanken kramen längst vergessene Traurigkeiten aus und lachen sich dann krumm, während ich wie gelähmt in meinem Bett liege und mich frage, ob ich wirklich alles falsch gemacht habe. Sie verzerren längst vergangene Gespräche und fügen Puzzleteile absichtlich falsch zusammen, um größtmögliche Verwirrung und Verärgerung zu provozieren. Sie sind sture, fiese Dinger, die sich tagsüber in ihren Verstecken ausruhen, um mit Einbruch von Nacht und Müdigkeit erneut aufzutauchen und Unruhe zu stiften. Erbarmung, Frieden, Fairness und Lösungen sind ihnen fremd. Manchmal schaffe ich es, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, aber meist kann ich mich kaum bewegen, wenn meine Nachtgedanken sich auf mich stürzen, wie eine Horde Aasgeier. Der einzige Gedanke, der mich dann tröstet, ist, dass ich weiß: Morgen Früh werden sie nur noch ein Schatten sein, der sich mit der aufgehenden Sonne verflüchtigt.