Herz in der Hand

Dem Leben fehlt der richtige Soundtrack. Vor allem für Menschen wie mich, die sich ganz in Musik verlieren können. Für Menschen wie mich, die niemals „nur“ Musik hören, sondern zwischen einzelnen Noten ein ganzes Leben leben. Der Moment, in dem sich alles zusammenfügt, ist jener, wenn ein Lied plötzlich zur richtigen Zeit kommt und die Szenerie vervollständigt. Das Leben macht dann auf einmal Sinn. Nicht, weil irgendetwas erklärt wird, sondern weil ich in diesem Augenblick weiß, dass ich am richtigen Ort bin.

Das Licht geht aus. Alle halten den Atem an. Ich stehe mit mehreren hundert Menschen vor der kleinen Bühne. Wir wissen, die Band wird nun mit ihrem Konzert beginnen. Ich erwarte grelles Licht, lauten Bass und viel Nebel. Ein krachender Auftakt, der das Konzertgebäude zum Beben bringen wird. Doch nichts davon passiert. Stattdessen betritt ein Mann leise die Bühne und spielt auf seinem Keyboard eine Melodie, die mir völlig fremd ist. Dann kommt die Sängerin, zögerlich, fast schüchtern. Als sie zu singen beginnt, herrscht im Saal absolute Ruhe. Das Lied ist mir unbekannt, doch mit jeder Zeile singen mehr Menschen mit. „Wer hat gesagt, das alles ist vorherbestimmt? Wenn das so ist, warum weiß ich dann nicht wohin? Ich nehm‘ mein Herz in die Hand und … spring!“ Der Publikumschor wird immer lauter, die Sängerin ist kaum noch zu hören. Ich kann trotzdem jedes Wort spüren, bevor ich es verstehe, und frage mich, warum auch ich noch immer auf der Suche bin und warum ich nicht weiß, wohin es gehen soll. Mein Körper ist von Gänsehaut überzogen. Der Gesang um mich verbindet sich zu einer gemeinsamen Energie, die mir fast den Atem nimmt. Dezentes Licht, nur die akustische Klavierbegleitung, freier Blick auf die Bühne. Das ist wohl der sanfteste, ruhigste Konzertbeginn, den ich je erlebt habe. Und gleichzeitig der berührendste. 

Es ist einfach, still und gleichzeitig überwältigend. Ich kenne das Lied noch immer nicht, aber die Masse um mich singt: „Wer hat gesagt, das alles sei ein Kinderspiel? Wenn das so ist, warum geht es dann um so viel? Halt‘ hier mein Herz in der Hand und … spring!“ Die Sängerin auf der Bühne strahlt bei all der Liebe, die ihr das Publikum entgegen singt. Inmitten dieser Menschen, die mir fremd sind, spüre ich eine Energie, die alles zusammenbringt. Was passiert hier? Der Moment ist unfassbar schön. Als wären wir ein Teil von etwas, das jenseits von dem liegt, was sich mit Worten erklären lässt. „Wer hat gesagt, ich muss da bleiben, wo ich bin? Ist alles Zufall oder hat es einen Sinn? Dass ich hier weg will, aber noch nicht weiß wohin. Raus aus der Lücke zwischen Ende und Beginn, damit ich spüre, dass ich noch am Leben bin und auf all meinen Wegen zu mir find, nehm ich mein Herz in die Hand und … Spring!“ 

Und ich springe, ohne zu wissen, wohin. Ich springe, weil ich so glücklich bin, dass es fast weh tut. Der Gesang bildet eine Einheit, die mein Herz umfängt und mir Freudentränen über meine Wangen kullern lässt. Dieser Moment ist perfekt. Speziell, unerklärlich, ungeplant, unvorhergesehen und genau das, was ich gebraucht habe.

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