
Mir hat das neulich jemand gesagt. Es ging um Beziehungen. Um Menschen, die zu nett, zu verfügbar, zu verlässlich sind. Also all das, was man eigentlich sucht, wenn man nicht mehr Anfang 20 und ständig high on Chaos ist. Und ich habe gemerkt: Das hat früher mal so sehr resoniert. Heute nicht mehr.
Ich war die Queen der Unerreichbaren. Je komplizierter, desto besser. Je weniger Nachrichten zurückkamen, desto mehr habe ich geträumt. Ich habe mich nach Menschen gesehnt, die mich nicht wollten. Weil das Gefühl von nicht haben können irgendwie intensiver war als das von jemand ist wirklich da. Liebeskummer war zwar schmerzhaft, aber auch berauschend. Ich habe Drama für Liebe gehalten. Plot-Twists statt Partnerschaft.
And guess what: Die Wissenschaft hat da ein paar unbequeme Wahrheiten auf Lager. Studien zeigen, dass uns Menschen oft mehr interessieren, wenn sie unsicher, ambivalent oder schwer zu bekommen sind. Das nennt sich „Intermittent Reinforcement“ (intermittierendes Verstärken). Ein Prinzip, das auch an Spielautomaten wirkt: Du weißt nie, ob du gewinnst, und genau deshalb bleibst du dran. Wenn dir jemand mal Nähe gibt und dann wieder Distanz, mal antwortet und dann tagelang abtaucht, mal sagt „Ich fühle da was“ und dann „Ich bin nicht bereit“ – entsteht genau dieser Effekt. Das gilt nicht nur für Menschen, die uns absichtlich auf Distanz halten. Auch jene, die zwar körperlich anwesend sind, sich aber geistig abwenden, uns nie wirklich an sich heranlassen oder das Interesse verlieren, sobald sie ihr Ziel erreicht haben, können genau diesen Effekt auslösen. Ihre Präsenz wirkt fragil, was die Unsicherheit verstärkt, und das macht es so aufregend und suchterzeugend. Das emotionale Belohnungssystem wird zwar ständig getriggert, aber nie vollständig befriedigt. Man denkt, man ist verliebt, dabei ist man eigentlich nur im Belohnungssystem gefangen. Ziemlich unsexy, aber verdammt effektiv.
Vor allem für ein Ego mit Selbstwert-Glitch. Und hier wird es richtig wild. Wenn man – bewusst oder unbewusst – nicht so richtig an den eigenen Wert glaubt, wird es schwer, sich auf Menschen einzulassen, die einen wirklich sehen und lieben. Das Ego denkt dann: „Das kann doch nicht sein, dass jemand mich einfach so will – ohne Spiel, ohne Trophäenjagd, ohne Drama.“ Deshalb fühlt sich jemand, der ernsthaft an dir interessiert ist, nicht aufregend, sondern fast schon verdächtig an. „Selbstwert-Glitch“ meint also: ein kleiner Bug im Selbstwertgefühl. Einer, der dich denken lässt, du müsstest dich erst beweisen, interessanter machen, mehr sein – weil du im tiefsten Inneren glaubst, so wie du bist, reicht nicht aus, um geliebt zu werden. Und genau an dieser Sollbruchstelle docken unerreichbare Menschen an – weil sie sich nahtlos in das alte Narrativ fügen, dass Liebe kein Geschenk, sondern ein Preis ist, den man sich hart erarbeiten muss.
Der Haken: Diese Fixierung auf Unerreichbares schützt uns. Vor Nähe. Vor Verletzlichkeit. Vor den realen Anforderungen einer echten Beziehung. Wenn ich mich in jemanden verliebe, der gar nicht wirklich verfügbar ist, muss ich mich nie fragen, ob ich selbst überhaupt in der Lage wäre, eine gesunde Verbindung einzugehen. Ich kann stattdessen weiterhin in meiner Illusion leben und sagen: Mit mir stimmt was nicht, statt zu riskieren, tatsächlich Liebe zu empfangen. Denn das würde nicht nur mein verzerrtes, aber gewohntes Selbstbild infrage stellen, sondern mir gleichzeitig die Verantwortung für mein eigenes Glück zuschreiben und die Angst verstärken, diese Liebe wieder zu verlieren.
Und das ist der Punkt, an dem ich klüger geworden bin. Nicht abgeklärter, aber ehrlicher zu mir selbst. Ich glaube inzwischen: Wahre Liebe bedeutet, sich auf jemanden einzulassen, der da ist. Der schreibt. Der fragt, wie es mir geht, weil es ihn wirklich interessiert. Jemanden, der bleiben will und der damit die alte Story herausfordert, dass ich nicht gut genug (oder zu viel oder zu kaputt oder …) bin. Jemanden, der mir zeigt, dass Liebe nicht laut und dramatisch sein muss, um echt zu sein.
Vielleicht ist „normal“ nicht langweilig. Vielleicht ist es nur neu für jemanden, der immer auf der Flucht war. Für jemanden, der Herzschmerz gesammelt hat wie andere Pokémonkarten – als wäre der Wert davon abhängig, wie sehr es weh tut.
Vielleicht ist Verfügbarkeit das neue Abenteuer. Und ganz ehrlich? Das fühlt sich gerade verdammt radikal an.
