Part 1 : Endgegner Erreichbarkeit & der Vibrations-Overkill

Vergangene Woche ist es eskaliert. Osterwoche. Feiertage. Zeit für Ruhe und Herunterkommen. Angrillen, Entschleunigung, Frühlingserwachen – das ganze Bullshit-Bingo. Aber während irgendwo Hasen hoppelten und Menschen meditativ Eier bemalten, glühte das Smartphone in meiner Hand: Ostergrüße, Urlaubsbilder, „Wie geht es dir?“-Nachrichten, geschäftliche Anfragen, Voicemails. Eine Flut aus Pings, Pushs und Vibes (leider nicht die guten). Jedes Mal, wenn ich auf mein Display schaute, war die Zahl der ungelesenen Nachrichten gestiegen. Und je mehr es wurden, desto mehr fühlte es sich nach Endgegner an. Lesen? Ja. Antworten? Wahrscheinlich. Später. Vielleicht. Oder nie.

Ich erwische mich oft dabei, wie ich Nachrichten lese und sie danach in meiner mentalen Warteschleife parke. Nicht, weil mir die Menschen dahinter egal wären. Ganz im Gegenteil. Meistens, weil ich gerade keine Energie habe, sie wirklich zu sehen. Ihnen aufrichtig zuzuhören. Weil ich sie nicht nur mit schnellen Worten abspeisen will, sondern ihnen echte Aufmerksamkeit schenken möchte. Es ist so: Je voller mein Postfach wird, desto schneller entlädt sich mein innerer Akku. Unsere Dauervernetzung ist kein Fortschritt. Sie ist eine kollektive Erschöpfung auf Raten. Wir sind überinformiert, übervernetzt, überfordert. Wir haben Zugang zu allem – und verlieren dabei zunehmend den Zugang zu uns selbst.

Ein Freund erklärte mir kürzlich, dass sein Smartphone immer lautlos gestellt ist. Keine VIPs. Keine Ausnahmen. Nicht mal für seine Mum. Oft legt er das Gerät sogar in einen anderen Raum und schaut stundenlang nicht darauf. Nicht, weil ihm Menschen egal sind, sondern weil sein Nervensystem die Notbremse gezogen hat. Seine Ärztin hat ihm geraten, sich zu entkoppeln, bevor sein Akku endgültig den Geist aufgibt – er stand kurz vor einem Burnout.

Und ich?

Ich dachte lange Zeit, dass ich besonders clever wäre, schließlich hatte ich alle Töne längst abgestellt. Kein schrilles Klingeln, kein aufdringliches Ploppen mehr. Nur noch Vibration. Dezent. Stilvoll. Erwachsen. Wie überzeugend ich mir eingeredet habe, das sei gesünder, entspannter, souveräner. Spoiler: Meinem Nervensystem war das egal. Eine leise Vibration kann genauso laut sein wie ein Feueralarm – wenn sie mich im falschen Moment trifft. Jetzt starre ich auf mein vibrierendes Smartphone und denke: Warum kann ich es nicht einfach stummschalten? Warum fällt es mir so schwer auszusteigen? Warum fühlt sich ein ausgeschaltetes Telefon nicht nach Freiheit, sondern nach Kontrollverlust an?

Das gibt mir zu denken. Daher begebe ich mich in den nächsten beiden Texten auf eine kleine Expedition durch Schuldgefühle, Dauer-FOMO und die große Sehnsucht nach echter Verbindung.

Stay tuned. Oder eben auch mal nicht.

(Während ich diese Zeilen schrieb, war mein Telefon auf lautlos.)

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