Part 2 : Schuldig im Sinne der Vibration – oder warum FOMO unser Nervensystem grillt

Ich will raus aus diesem Loop. Ich will aufhören, mich selbst wie einen Callcenter-Agent zu behandeln, der 24/7 erreichbar sein muss. Aber kaum lasse ich eine Nachricht unbeantwortet, startet mein inneres Alarmsystem. Erfolgreich habe ich verinnerlicht, dass Erreichbarkeit Aufmerksamkeit bedeutet. Dass Reaktionsgeschwindigkeit gleich Wertschätzung ist. Dass ich meine Verlässlichkeit beweisen muss – immer und sofort. Weil Nicht-Erreichbarkeit inzwischen fast schon als Affront empfunden wird. Wer nicht sofort reagiert, gilt als unhöflich oder gleichgültig. Als schlechte Freundin, unzuverlässige Kollegin, desinteressierter Mensch. 

Und ja, auch ich erwische mich immer wieder bei diesen Gedanken über andere. Dabei müssten wir eigentlich genau das feiern: Menschen, die sich abgrenzen. Menschen, die ihre Energie schützen. Menschen, die sich nicht dafür entschuldigen, wenn sie offline sind. Haben wir verlernt, dass Schweigen nicht Gleichgültigkeit, sondern oft Selbstschutz ist? Dass eine späte Antwort nicht Respektlosigkeit, sondern Achtsamkeit bedeuten kann?

Niemand steht mit der Stoppuhr neben mir. Keine Olympiajury, die Zeitstrafen verteilt. Es ist mein eigener verkorkster Anspruch, der mich in die Knie zwingt. Wenn ich es nicht schaffe, direkt zu antworten, höre ich diese Stimme in mir, die mich sofort schuldig spricht. Ich will nicht verfügbar sein müssen, um verbindlich zu sein, denn ich merke längst, was mich diese Dauerpräsenz kostet: Energie. Fokus. Und vor allem – meinen inneren Frieden.

Parallel dazu läuft FOMO (Fear of missing out). FOMO ist längst keine Phase mehr, es ist ein Lifestyle geworden. Ein gesellschaftliches Grundrauschen. Die Angst, etwas zu verpassen, hat sich tief in unsere neuronalen Pfade eingebrannt: Was, wenn ich eine wichtige Gelegenheit verpasse? Was, wenn da draußen etwas auf mich wartet, während ich gerade kurzzeitig offline atme? Was, wenn da jemand ist, der mich braucht, jetzt, sofort? Ich wische. Ich scrolle. Ich reagiere. In Echtzeit. Aus Angst, etwas zu verpassen, während ich mal kurz bei mir bin. 

Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, in der Ruhe erst erlaubt ist, wenn alle To-dos abgehakt, alle Chats beantwortet, alle Notifications geklärt sind. Offline sein? Nur mit ärztlichem Attest. Eine Gesellschaft, in der wir uns dafür entschuldigen, nicht „zeitnah“ geantwortet zu haben. Entschuldigen wir uns tatsächlich dafür, Menschen und kein Server zu sein?

Denn seien wir ehrlich: Unser Nervensystem ist nicht für diese Frequenz gemacht. Nicht dafür, permanent im Standby-Modus zu sein. Immer bereit. Immer abrufbar. Immer auf Empfang. Aber wir haben uns daran gewöhnt. Oder anders: Wir haben uns konditionieren lassen. Jeder Ping, jede Vibration, ein Mini-Dopamin-Boost. Ein digitales Bonbon für das innere Kind, das gesehen werden will. Aufmerksamkeit in Echtzeit – eine Nachricht hier, ein lustiges Video da, eine lange Sprachnachricht, die uns das Gefühl gibt, dabei zu sein, während sie in Wirklichkeit unser Nervensystem grillt. 

Ich frage mich: Verliert Aufmerksamkeit an Wert, wenn sie nicht sofort erwidert wird? Und was verpasse ich wirklich, wenn ich nicht erreichbar bin?

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