
Ich weiß, es war nicht viel. Keine lange Story, kein offizielles Kapitel, keine tausend Nachrichten, die man später bereut. Nur ein paar Wochen, ein paar Nächte, ein paar Hoffnungen zu viel. Und trotzdem zieht es mir kurz das Herz zusammen, wenn ich daran denke, dass es das schon war. Ich hatte mir meine Worte im Kopf zurechtgelegt, wollte dir sagen, was ich fühle, was ich brauche und was ich nicht mehr will. Aber du bist klug. Du hast längst gewusst, dass ich nicht der Mensch bin, den du jetzt halten kannst. Du hast bereits gewusst, dass du zwar da sein willst, es aber nicht kannst.
Das Problem mit Verfügbarkeit ist: Viele glauben, sie sind es – weil sie Sehnsucht spüren, sich nach Nähe verzehren, Lust haben, Neugier, vielleicht sogar Zuneigung empfinden. Aber Verfügbarkeit ist mehr als das. Es ist die Fähigkeit, sich wirklich einzulassen. Sich sehen zu lassen. Und auch zu bleiben, wenn es ernster wird. Ja, die Realität ist unbarmherzig und überholt uns mit der Wahrheit. Sie deckt auf, was wir selbst nicht sehen wollen. Dass irgendwas in uns noch im Flugmodus ist, auch wenn das Herz schon Empfang hat.
Du warst nicht da. Nicht wirklich. Du warst anwesend, aber nicht verfügbar. Und schnell wurde mir klar: Ich rede gegen eine Wand, die höflich lächelt. Ich wollte mehr – du warst nett. Freundlich distanziert, könnte man sagen. Gespräche, die an der Oberfläche blieben, wenn ich tief tauchen wollte. Verbindlichkeit, die immer nur für den Moment galt. Höflichkeit ist keine Tugend, wenn sie verschleiert, was man wirklich denkt oder braucht. Höflichkeit an den falschen Stellen verletzt – leise, aber nachhaltig. Sie gibt vor, Rücksicht zu nehmen, obwohl sie eigentlich nur ausweicht. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle alt genug, um für unsere eigenen Bedürfnisse einzustehen?
Ich habe viel interpretiert, aber eigentlich sollte man nicht raten müssen, was der andere fühlt. Mit der Zeit wächst vielleicht das Gespür füreinander, aber am Anfang? Da muss jeder für sich selbst sorgen. Den Mund aufmachen, statt höflich zu schweigen, wenn etwas nicht stimmt. Denn Schweigen ist nicht rücksichtsvoll. Es ist eine Entscheidung gegen Klarheit. Und ich stand neben dir und habe versucht, aus deinem Schweigen Zeichen zu deuten, dabei hättest du einfach mit mir reden können. Ich erinnere mich an einige Abende, an denen du viel geredet, aber nichts gesagt hast. Ich wollte fragen, was du verschweigst – aber ich war zu höflich. Ironisch, oder?
Ich hätte mir gewünscht, du hättest gesagt, was Sache ist. Nicht, um Drama zu machen. Sondern weil Schweigen so viel lauter nachhallt als alles, was man aussprechen könnte. Vielleicht einfach nur ein ehrlicher Satz: „Ich will, aber ich bin noch nicht so weit.“ Oder: „Ich weiß selbst nicht genau, was ich brauche.“ Vielleicht wäre alles gleich geblieben – aber ich hätte dich wenigstens verstanden. So wie ich jetzt verstanden habe, dass das hier nichts mehr mit mir zu tun hat.
Und trotzdem: Ich trinke heute Abend auf dich. Nicht aus Verbundenheit, sondern weil Abschiede ein Ritual brauchen. Einen Schnaps, zwei Aperol, Eiswürfel, Schirmchen, alles. Ich rauche eine dieser bunten, giftigen E-Zigaretten, obwohl ich weiß, wie scheiße das ist. Ich tanze zu unanständig lauter Musik durch mein Zimmer, bis mir der Schweiß von der Stirn tropft. Laut, wild, trotzig. Weil ich wütend bin. Und weil es in Ordnung ist, auch um die Fasts und Beinahes und Hätte-Könnte-Wenns zu trauern. Beides gehört dazu.
Wir sind nie auf derselben Frequenz gelaufen, auch das ist in Ordnung. Für das nächste Mal – für dich und für die Person, die dich dann vielleicht wirklich erreicht – sag es einfach. Nicht nur, was schön klingt, sondern auch, was Sache ist.
