Lost Days™ – jetzt auch in deiner Timeline

In beunruhigender Regelmäßigkeit erwischen sie mich: diese Tage, die sich anfühlen wie ein heimlich gestartetes Software-Update – mitten in der Nacht, ohne Vorwarnung. Alles läuft irgendwie weiter, aber nichts funktioniert richtig. Denn ich bin nicht wirklich da. Ich bin irgendwo zwischen Kalenderwoche und Gedankenkarussell verloren gegangen. Äußerlich funktional, innerlich offline. Meine Laune? Ein abgelaufener Joghurt ist eine Charmeoffensive dagegen.

An Lost Days™ bin ich mein schlechtestes Ich. Grummelig. Unleidlich. Überraschend uncharmant. Ich habe nicht genug Energie, um mich dagegen zu wehren – aber ausreichend, um mich selbst zu nerven. Und das, obwohl objektiv gar nichts passiert ist. Außer, dass ich existiere. Und ganz ehrlich: Das ist an diesen Tagen schon Herausforderung genug. Ist es mein Zyklus? Das Wetter? Oder einfach nur der übliche interne Systemabsturz? Keine Ahnung. Aber ich hänge fest. In mir. In der Schwere. Im Jetzt. Alles wirkt zu viel und gleichzeitig völlig egal. Und wenn es nicht bei einem Tag bleibt – dann gute Nacht.

Denn manchmal kommen sie im Rudel: Lost Days™ – jetzt auch im Familienpack. Dann bröckelt alles, was den Laden am Laufen hält. Nichts greift mehr richtig ineinander. An diesen Tagen ist meine Motivation unterwegs, um meine gute Laune zu suchen, und plötzlich sind beide verschwunden. Unauffindbar. Oder anders gesagt: Müsste ich meine Bereitschaft zur Teilnahme an diesen Tagen mit drei Worten beschreiben, wäre meine Antwort: „Nein.“

Das Schlimmste daran ist: Ich weiß, dass es vorbeigeht – aber nie wann. Es gibt kein Ablaufdatum, keinen Timer, kein „noch dreimal schlafen“. Es dauert seine Zeit und geht definitiv nicht schnell genug. Denn während ich warte, fehlt mir der Antrieb, mich um all das zu kümmern, worauf ich ohnehin keine Lust habe. Dann stapeln sich die unliebsamen Aufgaben in der Zimmerecke, zeigen mit dem Finger auf mich und lassen mein schlechtes Gewissen wachsen wie Unkraut. Anfangs nur ein wenig störend, bis plötzlich alles überwuchert ist. Und ich? Ich sitze mittendrin und kann mich selbst nicht mehr ausstehen. Ich mache nichts. Und selbst das überfordert mich.

Und das Leben? Das scheißt natürlich darauf. Ruft an, will Dinge, macht Termine, schickt Einladungen. Es klingelt Sturm an meiner Tür, aber ich stelle mich tot. Statt FOMO (Fear of Missing Out), der Angst, etwas zu verpassen, habe ich ein starkes Gefühl von FOGO (Fear of Going Out) – Angst davor, dass jemand etwas von mir will, während ich gerade nichts zu geben habe. Ich will keine Nachrichten. Keine Menschen. Keinen Kontakt zur Außenwelt. Nur meine Ruhe.

Warum reiße ich mich nicht einfach zusammen? Warum bekomme ich es nicht gebacken? Ich bin doch da. Nur anders. Zerknittert. Verlangsamt. Leise. Lustlos. Unmotiviert. Und dann denke ich: Wäre das meine beste Freundin – ich würde sie halten, nicht hetzen. Sie ernst nehmen, nicht antreiben. Ich würde weder ihre Schwächen analysieren, noch sie verurteilen, nur weil sie heute nicht glänzt. Ich würde ihr sagen: Es ist okay. Das gehört zum Leben dazu. Du musst heute nichts. Aber bei mir? Da läuft nur dieser innere Drill Sergeant in Dauerschleife: Reiß dich gefälligst zusammen! Was stimmt nicht mit dir? Wo ist eigentlich dein verdammtes Problem??

Verständnis? Nachsicht? Mitgefühl? Fehlanzeige. Warum eigentlich?

Warum behandeln wir uns selbst wie ein Projekt, das nie scheitern darf? Warum geben wir uns nicht das, was wir anderen sofort schenken würden – Geduld, Nachsicht, ein bisschen Luft zum Atmen? Warum glauben wir, dass Funktionieren wichtiger ist als das, was wir fühlen? Und warum tun wir alle so, als wäre es in Ordnung, sich selbst zu übergehen – solange das System dabei nicht gestört wird? Warum können wir nicht genug Vertrauen aufbringen, um diese Tage auszuhalten – und es uns darin so gemütlich zu machen, wie es eben geht? Stattdessen erhöhen wir den Druck mit Selbstvorwürfen, Selbstverachtung und unserem absurden Anspruch, immer unsere beste Version sein zu müssen.

Ich kann das heute nicht mehr. Ich gehe wieder ins Bett. Vielleicht ist morgen ein Tag mit mehr Inhalt. Oder wenigstens mit mehr Geschmack. Und falls du gerade auch in deinen Lost Days™ feststeckst:

Same. No advice. Just fuckin‘ vibes.

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