#SkinnyTok – Clean Girl, dirty Message

Gerade als ich dachte, wir hätten aus der Vergangenheit gelernt, stolpere ich über den Hashtag #SkinnyTok. Angeblich ein „neuer Trend“ – aber für mich fühlt er sich verdammt nach Déjà-vu an. Nicht mehr Hüfthosen und Beckenknochen, sondern Fitness-Tracker und What I eat in a day. Der Look hat sich verändert, das Ziel nicht: dünn um jeden Preis – aber bitte ästhetisch, mit Clean-Girl-Filter und Wellness-Attitüde.

Ich scrolle nur ein paar Minuten und schon bin ich wieder 16. Wieder in dieser Welt aus Popstars mit freigelegtem Unterbauch und Diättricks in der Bravo. Britney, Paris, Kate, die Spice Girls – ihre Körper waren das Maß aller Dinge. Meine Ideale. Ich hatte mir das nicht bewusst ausgesucht. Alle sahen so aus – oder versuchten es zumindest. Ich fragte mich nie, ob das für mich realistisch war. Ich dachte einfach: So muss man eben aussehen.

Neulich fand ich alte Fotos von mir und stellte fest: Ich war ein Skinny Girl. Aber mein Bauch hatte immer diese kleine Rundung, diese Wölbung unter dem Bauchnabel. Damals dachte ich: Solange mein Bauch sich nach außen wölbt, bin ich nicht skinny genug. Heute weiß ich: Diese Wölbung ist kein Makel. Dort sitzt meine Blase. Mein Darm. Meine Gebärmutter. Lebensnotwendige Organe. Der Ort, an dem zwei Mal neues Leben entstanden ist. Diese Wölbung ist kein Designfehler, sondern ein Wunderwerk der Biologie.

Und trotzdem stehe ich bis heute vorm Spiegel und prüfe jedes Outfit auf Bauchverträglichkeit. Nicht immer, aber immer wieder, lasse ich etwas im Schrank, aus Angst, „dick“ auszusehen. Als wäre das das Schlimmste überhaupt. Ich kaschiere, verstecke, ziehe ein. Weil ich mir jahrzehntelang einreden ließ, dass genau dort mein Makel sitzt.

Dabei weiß ich es längst besser. Vor allem dann, wenn ich andere Frauen sehe – Frauen, die nicht den Idealen der 2000er-Jahre entsprechen, sondern echte Körper haben. Mit Rundungen, Falten, Wölbungen. Dann denke ich: Wow. Was für eine schöne Frau. Dieser liebevolle Blick gelingt mir bei anderen längst – nur bei meinem eigenen Bauch (noch) nicht. Denn wie viele Teenager der 2000er-Jahre habe ich nie gelernt, meinen Körper durch meine eigenen Augen zu sehen. Stattdessen wurde mir beigebracht, ihn durch die Kamera der Popkultur zu betrachten. Eine Popkultur, die uns eingeredet hat, dass wir uns optimieren müssen, um schön zu sein. Und genau das macht mich so wütend.

Ich traue keinem Trend, der mir einreden will, dass Leere im Magen gleich Fülle im Leben bedeutet. Ich habe das alles schon einmal mitgemacht. Und jetzt soll es wieder von vorn losgehen, als hätten wir nichts gelernt? Ultraflache Bäuche, sogenannte „Hacks“, um das Hungergefühl zu unterdrücken, die Glorifizierung von kleinen Kleidergrößen als einzig wahren Lifestyle? Skinny als Lebensstil, nicht als Symptom? Ich habe nicht vergessen, wie viele Mädchen damals in Essstörungen, psychische Erkrankungen und gefährliche Praktiken gerutscht sind. Unter dem Deckmantel von „Body Positivity“, „Clean Eating“ und „Glow Up“ wird uns mal wieder Empowerment verkauft, das Selfcare sagt, aber Selbstoptimierung meint.

Ich bin richtig angepisst.

Weil ich erst 40 werden musste, um zu begreifen, dass mein Körper nicht optimiert werden muss, sondern bewohnt werden will. Dass diese Besessenheit von meinem Bauchumfang kein persönliches Problem ist, sondern das Ergebnis einer Ära, in der es genau eine Vorstellung von Schönheit gab: flach, glatt, kontrolliert. Und alle, die davon abwichen, galten als „fett und hässlich“. Und jetzt – nach Jahrzehnten voller Selbstoptimierung, Selbstkritik und Selbstzensur – diskutieren wir 2025 ernsthaft wieder darüber, ob ein flacher Bauch das ultimative Zeichen von Disziplin, Schönheit und Wert ist? Mein Bauch hat zwei Leben getragen. Er darf eine Wölbung haben. Er darf verdammt nochmal sichtbar sein.

Ich bin erschöpft vom immergleichen Zyklus aus Unsicherheit, Selbstverachtung und Selbstoptimierung. Ich will nicht, dass eine neue Generation Frauen dieselben Schmerzen durchleidet, deren Folgen ich bis heute versuche loszuwerden. Ich will nicht zusehen, wie die Töchter meiner Freundinnen dasselbe toxische Gift einatmen und sich eines Tages im Spiegel hassen, obwohl ihr Körper alles tut, was er soll. Ich möchte, dass sie lernen, sich zu spüren – nicht zu disziplinieren. Dass sie verstehen, dass ihr Wert nicht in der Lücke zwischen ihren Oberschenkeln steckt, sondern in dem Raum, den sie mit ihrer Stärke, Intelligenz und Empathie einnehmen.

Ich finde es wichtig, dass wir als Gesellschaft uns fragen, warum solche Trends immer wieder auftauchen – und welche Strukturen sie nähren. Nur so können wir ein Umfeld schaffen, in dem Vielfalt und Gesundheit über unrealistische Schönheitsideale gestellt werden. Wir müssen endlich damit aufhören, Mädchen beizubringen, sich skinny zu hungern, weil es im Feed gut aussieht.

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