Ein Teller voller Krümel

Ich habe eine Theorie: Jeder Mensch, der einmal wichtig war, hinterlässt ein Essen. Oder zumindest ein Lebensmittel. Einen Geschmack, der sich ins Gedächtnis gebrannt hat wie ein guter Song, der dich ohne Vorwarnung an der Supermarktkasse in die Knie zwingt. Ein Gericht, ohne Haltbarkeitsdatum, aber mit eingebautem Triggerpotenzial. Ich sammle diese kulinarischen Erinnerungen in einer gut sortierten Vorratskammer – und sie ist randvoll.

Da war dieser eine: Frischkäse mit bunten Zuckerstreuseln. Diese kleinen, süßen Dinger, die nie da blieben, wo sie hinsollten. Irgendwann lagen sie überall: auf dem Teller, auf dem Tisch, auf dem Boden. Und sie sind bis heute in meinem Kopf verstreut. Dann ein anderer: Nudeln mit Ketchup und Mayonnaise. Ja, klingt erst einmal nach einem kulinarischen Notfall. Am Anfang habe ich es auch belächelt, bis ich es probiert habe, und heute esse ich meine Nudeln gelegentlich noch immer so. Wir haben schließlich alle unsere Dark Sides.

Dann gab es sie: indisches Curry. „Es ist etwas scharf geworden“, sagte sie. So scharf, dass ich kurz dachte, sie hat die Absicht, mich zu vergiften. Am Ende saßen wir beide mit Tränen in den Augen da: sie vom Lachen und ich, weil meine Geschmacksknospen alle gleichzeitig abgestorben waren. Und dann diese Tradition für endlose Filmabende mit ihr: Cola und American Pizza. Diese dicken, fluffigen Pizzen, die hauptsächlich aus Käse bestanden. Wir haben uns damit durch Herzschmerz, Erfolge und herrlich absurde Lebenskrisen gefuttert, als würde Pizza irgendwas reparieren können. Und ich glaube, das hat es tatsächlich.

Im Leben gibt es nur wenige große Geschichten. Wenige wirklich dramatische Kapitel. Schmerzhafte Erinnerungen, gegen die wir uns mit der Zeit mehr oder weniger gewappnet haben. Es sind die kleinen Krümel, die uns immer wieder erwischen, obwohl wir längst glauben, sie schon weggefegt zu haben. Vielleicht ist das das Paradoxe an Erinnerungen: Je alltäglicher der Moment war, desto hartnäckiger klebt er an uns. Wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Ich behaupte sogar: Menschen, die ich einmal geliebt habe, kleben mir nicht am Herzen, sondern am Gaumen. Weil sich diese Art von Erinnerungen nicht in großen Worten und Taten ablagert, sondern in feinen Geschmäckern und eigenwilligen Aromen. Wie süße Streusel auf herzhaftem Frischkäse. Oder Käsefäden beim Biss in eine dick belegte Pizza. Kleine, klebrige Platzhalter für Dinge, die längst vorbei sind. Ist das Trost? Weil wenigstens diese Geschmäcker bleiben, wenn sonst bereits alles weg ist? Oder ist es eine Gemeinheit des Lebens, dass ausgerechnet diese Banalitäten so viel Macht haben?

Liebe – egal ob romantisch oder platonisch – macht seltsame Dinge mit dem Geschmackssinn. Und manchmal bleibt dieser Geschmack, auch wenn der Mensch dazu längst verschwunden ist. Ich denke, ich bin darüber hinweg – und dann spüre ich die Krümel. Mitten im Supermarkt. Beim Kochen. Beim ersten Bissen. Zack – zurück im Kopfkino. Und während ich da stehe, frage ich mich: Ist das nur bei mir so? Oder verknüpfen andere Menschen Geschmäcker auch mit Gesichtern? Mit meinem Gesicht? Gibt es jemanden, der einen Bissen nimmt – und plötzlich bin ich kurz wieder da? Nicht lang. Nur für diesen winzigen, schmerzhaft schönen Moment.

Manchmal sitze ich am Tisch und denke: Welches Aroma, welcher Geschmack, welche kleinen Krümel meiner Geschichte kleben wohl an deiner Erinnerung? Und ist das alles, was uns am Ende bleibt? Dieser bittersüße Nachgeschmack, der sich meldet, wenn wir am wenigsten damit rechnen?

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