
Mir war lange nicht klar, wie fundamental Freundschaft ist. Wie viel Halt darin steckt. Wie viel Sicherheit. Wie viel Heimat. Vielleicht, weil ich nie jemand war, der besonders gut darin ist, Wurzeln zu schlagen. Ich bin durchs Leben gestolpert, oft suchend, oft haltlos, mit dieser Mischung aus Neugier und Rastlosigkeit, bis ich mich irgendwann vollständig im Dunkeln verirrte. Depression lässt dich nicht gerade verwurzeln. Sie lässt dich im Grunde an allem zweifeln. Und manchmal auch innerlich vertrocknen.
Wie lange habe ich Freundschaft unterschätzt? Habe ich wirklich geglaubt, ich könnte überall und jederzeit einfach neue Freunde finden? Vielleicht. Wahrscheinlich. Mit Anfang zwanzig glaubt man ja gern, man hätte alles verstanden. Ich zumindest war ziemlich sicher, den Plan längst durchschaut zu haben: Wer wichtig ist, wer bleibt, wer gehen muss. Ich wollte, dass sich die Welt bitte schön nach meinen Vorstellungen dreht. Dabei traf ich ständig neue Menschen, mit denen ich mich gut verstand und Zeit verbringen wollte. Freundschaft war für mich, jemanden zu haben, mit dem ich gern lachte, redete, durch die Nächte zog. Dass echte Freundschaft viel mehr beinhaltet, begriff ich erst später.
Beziehungen, so heißt es, erfordern Einsatz. Es ist wichtig, in Partnerschaften zu investieren. Eine Ehe ist kein Selbstläufer. Aber dass das auch für Freundschaften gilt, habe ich lange nicht verstanden. Vielleicht, weil darüber kaum jemand spricht. Vielleicht auch, weil dieser Mythos existiert, dass es mit der richtigen Freundin immer leicht ist. Aber das ist eine Lüge. Früher dachte ich, Freundschaft passiert einfach. Man trifft sich, versteht sich, lacht zusammen – und das bleibt dann so. Heute glaube ich, es geht ums Bleiben, auch wenn sich das Leben ändert. Darum, einander immer wieder neu zu begegnen, auch nach Pausen, Umwegen, Brüchen. Darum nicht alles beim Alten lassen zu wollen, aber auch nicht zu erwarten, dass alles ständig neu beginnen muss. Es geht um aufrichtiges Interesse aneinander und darum, das Leben miteinander zu teilen. Um die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, trotz aller Differenzen. Es geht um Aufrichtigkeit, Offenheit, Vertrauen. Und darum, gemeinsam zu wachsen.
Doch statt zu investieren, glaubte ich viele Jahre, ich könnte diese Art von Verbindung jederzeit neu erschaffen. Immer wieder habe ich versucht, frische Wurzeln zu schlagen – als könnte ich allein mit etwas gutem Willen und einem grünen Daumen ein Bäumchen pflanzen und am nächsten Morgen einen ausgewachsenen Baum erwarten. Dabei habe ich nicht mal einen grünen Daumen. Heute weiß ich: Es gibt Verbindungen, die lassen sich nicht einfach neu pflanzen. Nicht so. Sie sind selten. Kostbar. Und sie brauchen Zeit, eine gemeinsame Geschichte, ein miteinander gelebtes Leben und Mut, sich aufeinander einzulassen.
Scheiße, habe ich lange gebraucht, um zu begreifen, wie selten es ist Menschen zu haben, die mich wirklich kennen. Nicht nur in meiner besten Version, sondern mit all meinen Brüchen, Irrwegen, Abstürzen, Ecken und Kanten. Menschen, die längst Teil meiner Geschichte geworden sind, weil unsere gemeinsamen Wurzeln so tief in der Vergangenheit liegen, dass ich mich kaum noch an den Anfang erinnern kann. Das Verrückte an diesen frühen Freundschaften ist: Wir wissen anfangs nicht, wie wichtig diese Menschen einmal für uns werden können. Wie groß das Geschenk ist, das sie uns zu diesem Zeitpunkt – ohne es zu wissen – ins Gepäck unseres Lebens legen. Ich schäme mich, zuzugeben, wie sorglos ich mit meinen Geschenken umgegangen bin. Wie vermessen ich war, zu glauben, sie wären selbstverständlich. Es hat gedauert – und es hat mich einiges gekostet –, ihren Wert wirklich zu begreifen.
Ich bin nicht mehr Anfang zwanzig. Ich bin nicht mehr die, die ich damals war. Ich bin an mir gescheitert, an anderen, an Beziehungen, an Freundschaften, an Lebensentwürfen, die nicht gehalten haben, was sie versprochen hatten. Und daran bin ich gewachsen. Und ich bin dankbar, dass ich wachsen konnte. Dass ich nicht dieselbe bleiben muss, die ich mit zwanzig war. Denn inzwischen habe ich verstanden: In eine Freundschaft zu investieren, ist die vielleicht beste Investition überhaupt. Freundschaften sind Begegnungen, die nicht ersetzbar sind. Sie tragen, fangen auf, geben Halt, wenn der Rest wackelt. Sie wurzeln tiefer als alles, was man woanders neu pflanzen könnte.
Es ist bereichernd, neue Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften wachsen zu lassen. Aber noch viel kostbarer sind die, die schon lange Teil der eigenen Geschichte sind. Freundschaften, die nach Jahren wieder aufblühen, weil ihre Wurzeln nicht wie erwartet abgestorben sind. Verborgen unter der Erde warteten sie geduldig darauf, dass ich endlich begreife, wie tief ich die ganze Zeit schon verwurzelt bin.
