
Mein Sohn ist gestern fünfzehn geworden. Fünfzehn. Ich schreibe das auf, schaue das Wort an, und begreife trotzdem kaum, wie schnell aus dem kleinen Menschen, den ich einmal auf dem Arm getragen habe, dieser Große geworden ist, der jetzt selbst durchs Leben geht – manchmal noch unsicher, oft schon erstaunlich klar. Und wie jedes Jahr um diese Zeit frage ich mich, wann das eigentlich passiert ist. Wann die Zeit so leise, so unbemerkt davongerannt ist. Seit wann ich neben einem Teenager sitze, der sich früher bei jedem Schritt rückversichert hat, dass ich noch da bin. Und plötzlich merke ich, dass ich nicht mehr vorausgehe, sondern neben ihm laufe.
Nichts macht mir die Vergänglichkeit so spürbar wie der Geburtstag meiner Kinder. Sie sind wie Wegmarken – keine bloßen Zahlen, sondern emotionale Meilensteine, an denen ich innehalte. Und jedes Jahr, wenn ich bei brütender Hitze den ersten Geburtstagskuchen in den Ofen schiebe, wandern meine Gedanken zurück. Zu all den anderen Jahren. Den anderen Kuchen. Den anderen Versionen von uns. Und plötzlich spüre ich sie alle gleichzeitig – die Fünf, die Acht, die Elf, die Dreizehn. Ich sehe uns lachen, streiten, basteln, feiern, weinen. Ich sehe mich: als junge Mutter, übermüdet, überfordert, oft am Limit, aber immer voller Liebe für diese beiden Kinder, die mein Leben aus den Angeln gehoben haben. Es war nicht immer leicht, und doch das Beste, was mir je passiert ist.
In ein paar Wochen wird auch mein zweiter Sohn Geburtstag haben. Er wird dann dreizehn – und plötzlich habe ich zwei Teenager im Haus. Zwei Kinder, die keine Kinder mehr sind. Zwei junge Menschen, die auf ihre eigene Art groß werden. Und auch wenn ich sie loslassen muss, ein Stück mehr mit jedem Jahr, spüre ich gleichzeitig: Ich darf noch etwas bei ihnen bleiben.
Natürlich schwingt sie mit, die Melancholie. Nicht laut, nicht dramatisch, nicht fordernd. Doch mir vertraute Schuldgefühle melden sich zurück, alte Zweifel regen sich erneut. Habe ich wirklich immer mein Bestes gegeben? Ich denke an all die Fehler, die ich (vermeintlich) gemacht habe. Die Male, in denen ich nicht geduldig genug war. Nicht aufmerksam genug. Nicht stabil genug. Und obwohl ich längst weiß, dass Schuldgefühle oft mehr über unsere Liebe aussagen als über unser Versagen, sind sie da. Präsent, hartnäckig, vertraut. Ich sage ihnen, sie mögen die Klappe halten. Jetzt ist nicht die Zeit für dunkle Gedanken.
Während der Kuchen im Ofen aufgeht, die Küche nach Leckerei riecht und dabei wie ein Unfall aussieht, öffne ich das Fenster. Dann ist es da – das Gefühl, dass jetzt Sommer ist. Nicht nur kalendarisch, auch innerlich. Der Geburtstag meines Sohnes ist mein ganz persönlicher Sommerbeginn. Jahr für Jahr.
Jetzt ist die Zeit für Schwalbengezwitscher, faule Nachmittage in der Hängematte, für Pommes am See und Eis zum Abendessen. Zeit für mehr als ein spannendes Buch, für große Abenteuer, lange Gespräche unter Sternenlicht und Nächte, die nach Freiheit schmecken. Es ist die Zeit für Leichtigkeit, die in der Sonne wie Seifenblasen glitzert. Für das Gefühl von Unendlichkeit auf der Haut. Für Sehnsucht und Sorglosigkeit, die sich für einen Moment nicht ausschließen. Für Träume, die größer werden dürfen, und für das Gefühl, dass alles möglich ist – oder zumindest denkbar.
Keine Hausaufgaben, keine Elterngespräche, kein Wecker, der uns morgens aufrüttelt, und keine durchgeplanten Tage, die uns beharrlich sagen, was wir alles noch müssen. Wir sind einfach da. Wir und die süße Leichtigkeit eines Sommertages, an dem wir alles machen können, was wir wollen. Sattes Blau am Himmel, leuchtendes Grün in den Bäumen und dazwischen eine gelbe, funkelnde Sonne. Der vertraute Zauber eines Neubeginns überkommt mich jedes Mal, wenn der Kuchen aufgegessen ist.
Im Sommer feiere ich nicht nur die Geburtstage meiner Kinder, sondern auch meinen eigenen Lebensweg. Der Sommer erinnert mich daran, wie oft ich über mich hinausgewachsen bin. Wie viel ich durchgestanden habe. Wie viel ich verloren habe und und was mir trotz allem geblieben ist. Er erinnert mich, wie gut es mir tut, gelegentlich einfach stehenzubleiben, zurückzublicken, durchzuatmen und dann wieder loszulaufen – barfuß, mit Kuchenkrümeln auf dem Shirt und dem Versprechen eines ungeschriebenen Sommers vor mir. Ich schätze, der Sommer schenkt mir einen inneren Frieden, den ich in keiner anderen Jahreszeit spüren kann. Und in diesen Momenten glaube ich: Genau so fühlt sich leben an.
