
Es passiert immer in Wellen. Erst kommt das Aufbäumen. Die Bewegungen. Die Hashtags. Die Kollektive, die sagen: Wir sind mehr als unser Körper. Wir sind laut, sichtbar, unbequem, wir nehmen Raum ein. Wir sind die Generation, die endlich gelernt hat, sich selbst zu akzeptieren. Und dann, fast schon beiläufig, ohne große Ankündigung, kippt die Stimmung. Erst in kleinen Gesten. Dann in ganzen Feeds. Und plötzlich fühlt es sich wieder falsch an, weich und rund zu sein. Plötzlich sieht man nur noch flache Bäuche, definierte Schlüsselbeine und straffe Oberschenkel (die sich nicht berühren dürfen).
Kürzlich war ich mit meiner Freundin am Strand, als uns eine Gruppe junger Mädchen entgegenkam. Alle ausnahmslos hübsch, mit süßem Bikini und absolut flachem Bauch. Meine Freundin schaute mich an und fragte: „Waren wir damals auch so dünn?“ Ich überlegte kurz, bevor ich nickte. Ja, das waren wir. Aber die eigentliche Frage ist doch: War dieser Trend je wirklich weg?
Die Geschichte lehrt uns, dass es bei dem weiblichen Körper keinen Zufall gibt. Immer dann, wenn Frauen beginnen, unbequem zu werden. Wenn sie streiken. Sich verbünden. Reden, schreiben, fordern – taucht wieder ein Trend auf, der uns dazu bringen will, uns zu disziplinieren: #thatgirl #pilatesprincess #glowup #skinnyaesthetic #bodygoals. Aber nennen wir das Kind beim Namen: Es geht nicht um Gesundheit und Wohlbefinden. Es geht um Kontrolle. Um Ablenkung. Um ein System, das immer dann zur Selbstoptimierung ruft, wenn wir kurz davor sind, etwas zu verändern. Selbstoptimierung, die nur ein Ziel verfolgt: uns zurückzuwerfen. Zurück in den Spiegel. In die Umkleidekabine. In Apps, die sagen, wie viele Kalorien ein Frühstück beinhalten darf. In die stumme Konkurrenz unter Freundinnen. In eine Routine, für die wir morgens um 5 Uhr aufstehen und viermal die Woche ins Fitnessstudio gehen müssen. Als hätte jemand eine kollektive Notbremse gezogen, drehen sich alle Gespräche wieder um Bauchfett, Selfcare und Diätpläne.
Je größer unser politischer Einfluss, desto kleiner sollen unsere Körper werden. Je mehr Raum wir Frauen einnehmen könnten, desto mehr wird uns eingeredet, dass wir ihn nicht wert sind. Und desto härter bewerten wir uns – und einander. Es ist keine neue Strategie. Es ist eine der ältesten: Beschäftige Frauen mit sich selbst, denn wer sich ständig selbst bekämpft, hat keine Kraft, die Welt zu verändern.
Weibliche Körper waren noch nie nur Körper. Sie waren immer ein politischer Ort. Sie wurden beurteilt, bewertet, reguliert. Und wir sind so daran gewöhnt, dass wir eines Tages selbst damit begonnen haben. Das Perfide daran ist, dass Kontrolle heute nicht mehr wie Kontrolle aussieht. Kontrolle wird uns als Empowerment verkauft. Ich habe lange nicht verstanden, wie tief das reicht. Ich dachte, meine Selbstdisziplin wäre ein Ausdruck von Selbstfürsorge. Ich habe geglaubt, mein Wunsch, fitter oder „in Form“ zu sein, hätte etwas mit meinem Wohlbefinden zu tun. Aber mittlerweile weiß ich, dass diese Gedanken nicht in einem luftleeren Raum entstehen. Sie werden gefüttert. Vom Algorithmus. Von alten Rollenbildern in neuer Verpackung. Von Popkultur, die vorgibt, Fortschritt zu feiern, und dabei alte Machtverhältnisse aufhübscht. Das Patriarchat hält die Zügel noch immer fest in der Hand.
Das Schlimmste daran ist: Es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass wir nicht einmal merken, wie wir manipuliert werden. Wie wir unsere Körper nach wie vor als To-do-Liste behandeln. Wie wir selbst im heißesten Sommer unsere „Problemzonen“ zu verdecken suchen, während draußen die Welt brennt. Wie wir glauben, wir tun das alles für uns selbst – dabei dient es einem System, das sich in seiner Macht nicht bedroht fühlt, solange wir Frauen mit uns selbst beschäftigt sind. Du hast eine eigene Meinung, ein Ziel, eine Vision? Kein Problem – deine Social-Media-Timeline wird dich schon daran erinnern, dass dein Körper nicht normschön genug ist und du besser an ihm arbeitest, statt an deinem Status quo. Wir tragen noch immer ein Korsett, nur elastischer und unsichtbarer.
Ich schreibe das nicht, weil ich alles durchschaut hätte. Ich schreibe darüber, weil ich es täglich bei mir selbst beobachte. Wie schnell ich wieder in diese Logik rutsche. Wie schwer es ist, mein Spiegelbild von der kollektiven Prägung zu befreien. Wie tief die Sozialisierung als Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft in mir sitzt. Wie oft ich mir noch immer einreden lasse, dass ich nicht genug bin. Nicht diszipliniert genug, nicht skinny genug, nicht straff genug. Aber ich erkenne das Muster. Das reicht bislang nicht für eine Revolution, aber es ist der erste Schritt. Es reicht, um Fragen zu stellen. Um das Gefühl zu benennen. Und um jedes Mal meinen Kurs korrigieren zu können, wenn meine innere Stimme sagt, ich solle mich anpassen, um ein Ideal zu erfüllen, dass ich mir nicht selbst ausgesucht habe.
