Millennials im Niemandsland

Ich bin alt genug, um mich an den Geruch von Videotheken zu erinnern, aber jung genug, um meine Therapiesitzung als Sprachnachricht zu verschicken. Ich kümmere mich um meine Steuererklärung und kann gleichzeitig drei Stunden lang auf meinen Cappuccino starren und mich fragen, ob das hier wirklich mein Leben ist. Ich weiß, wie man Rechnungen schreibt, aber nicht, wie man mit innerer Leere umgeht. Ich tue so, als hätte ich alles im Griff – dabei ist mein ganzes Leben ein einziges „Strg + Z“.

In letzter Zeit denke ich häufiger darüber nach, ob dieses Gefühl jemals aufhört. Dieses vage, schwer zu greifende Empfinden, irgendwie noch nicht wirklich angekommen zu sein im sogenannten „Erwachsenenleben“. Mich verfolgt der Verdacht, dieses „Erwachsensein“ nur zu spielen. Wie in einer billigen Reality-Show gebe ich vor, mehr zu sein, als ich eigentlich bin. Ich spüre, dass ich längst angekommen sein sollte – aber niemand hat mir gesagt, wo genau. Ich bin gezwungen, mich zu fragen: Was, wenn das Erwachsensein heute kein Punkt auf der Zeitlinie mehr ist, sondern ein Zustand im Dazwischen? Kein Ankommen, sondern ein ständiges Balancieren zwischen Selbstzweifeln und Selbstverantwortung, zwischen alten Welten und neuen Realitäten? 

Ich bin nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Irgendwo dazwischen. Ein Digital Native mit nostalgischem Festnetzgefühl. Diese Zwischenwelt macht mich fertig. Und während ich den Geschirrspüler ausräume, die Miete überweise und meinen nächsten Zahnarzttermin in den Kalender eintrage, frage ich mich: Bin ich jetzt erwachsen? Was genau bedeutet dieses Wort eigentlich? Und woher kommt das Bild, wie erwachsen sein aussehen sollte?

In Gedanken gehe ich die Liste durch: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Dazu einen festen (gut bezahlten) Job, ein (intaktes) Familienleben, einen Baum pflanzen und innere Stabilität. Das Einmaleins des Erwachsenseins, das uns vorgelebt wurde – sicher, solide, strukturiert. Und gleichzeitig so fern wie ein Film aus den Achtzigern. Denn die Welt, in der wir heute leben, sieht anders aus. Die Bedingungen haben sich geändert.

Ich glaube, unsere Eltern (Boomer) wurden erwachsen, weil sie es mussten. Weil es keinen Raum gab für all die Fragen, die wir heute stellen. Weil es keine Zeit gab, zu zögern oder innezuhalten. Verantwortung kam mit dem Lebensalter, und wer einmal auf diesem Pfad war, blieb auch darauf. Ob sie sich je wirklich erwachsen gefühlt haben, ist eine Frage, die sich viele (wenn überhaupt) erst heute rückblickend stellen. Vielleicht war es weniger ein Gefühl als ein Funktionieren. Vielleicht auch ein Sich-Fügen in das, was eben erwartet wurde.

Und wir Millennials?
Wir haben theoretisch alle Möglichkeiten und praktisch kaum Halt. Wir haben Freiheit, aber keine klaren Wegweiser. Wir sind gut ausgebildet, flexibel, reflektiert und gleichzeitig so oft unsicher, orientierungslos und erschöpft. Was früher selbstverständlich war – Eigentum, Familie, berufliche Sicherheit – ist für uns nicht einfach zu erreichen. Früher gab es feste Gleise, heute bauen wir die Strecke beim Fahren. Alles ist in Bewegung – Beziehungen, Arbeitsverhältnisse, Wohnorte, Identitäten. Und während wir versuchen, mit all dem klarzukommen, suchen wir nach dem Moment, der uns das Gefühl gibt: Jetzt bin ich angekommen. Jetzt bin ich erwachsen.

Als Millennial fühle ich mich wie eine Sandwich-Generation: Eingeklemmt zwischen der Sicherheit der Boomer und der radikalen Klarheit der Gen Z. Wir haben noch gelernt, dass man sich hocharbeiten muss – und gleichzeitig begriffen, dass Arbeit nicht alles ist. Wir wissen viel, fühlen mehr und zweifeln fast alles an. Vor allem uns selbst. Und ich frage mich, ob es einen Namen für dieses Lebensgefühl gibt. Für diesen ewigen Schwebezustand zwischen „Ich sollte“ und „Ich will“. Zwischen Verantwortung und Rebellion. Und ich weiß nicht, ob dieses Gefühl je weggeht. Aber vielleicht ist das auch gar nicht der Punkt.

Vielleicht geht es gar nicht darum, eines Tages das perfekte Erwachsensein zu erreichen. Vielleicht wäre es besser, sich stattdessen mit dem Unfertigen zu versöhnen. Vielleicht sind wir nicht planlos, nur in Bewegung. Vielleicht sind wir nicht zu spät dran, sondern nehmen einen Umweg zu uns selbst. Vielleicht sind wir nicht unwissend, sondern hinterfragen mehr, als blind zu folgen. Wir machen Fehler, aber wir bleiben im Gespräch – mit uns selbst und miteinander.

Und ganz vielleicht entdecken wir darin eine andere, neue Form von Reife. Eine, die sich nicht auf Besitz, sondern auf Bewusstsein gründet. Eine, die nicht vorgibt, alles zu wissen, sondern sich erlaubt, Dinge zu hinterfragen. Immer wieder. Vielleicht können wir so andere Entscheidungen treffen. Jeden Tag neu aushandeln. Etwas verändern. Es anders machen als bisher. Verantwortung übernehmen – für uns selbst, für das, was uns wirklich wichtig ist – aber nicht für ein Lebensmodell, das aus der Zeit gefallen ist.

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