
Ich dachte, es gibt Dinge, über die wir uns einig sind. Dass wir uns für einen 50. Geburtstag schick anziehen. Dass wir nicht „Bin gleich da“ schreiben, während wir noch unter der Dusche stehen. Dass wir in der Bahn nicht telefonieren, als wären wir allein im Raum. Dass wir nicht über andere Körper urteilen, auch nicht aus „Spaß“. Dass wir nicht rechts wählen, weil wir „mit der Politik unzufrieden“ sind. Ja, ich dachte, das ist Common Sense. Turns out: it’s just my version of reality. Und das macht was mit mir.
Weil es mich triggert, wenn jemand die unausgesprochenen Regeln meiner Welt bricht. Weil ich mich frage: Was stimmt nicht mit dir? Aber noch viel dringlicher: Was stimmt nicht mit mir, dass ich es anders sehe?
Und da ist er – der Moment. Dieser Sekundenbruchteil zwischen Irritation und Urteil. Dieser innere Schockmoment, wenn die Realität anderer mein Weltbild erschüttert. Wenn jemand etwas tut oder lässt, das für mich eigentlich selbstverständlich ist. Dieses Wie-kann-man-das-bitte-NICHT-so-sehen?-Gefühl. Dieser schmale Grat zwischen „Ich würde das anders machen“ und „Du machst das falsch“. Es trifft mich wie ein kleiner Erdrutsch im Kopf. Mein Koordinatensystem gerät kurz ins Wanken: Habe nur ich das so gelernt? Bin ich dogmatisch? Oder die anderen ignorant? Wer ist hier eigentlich komisch? Und zack, bin ich getriggert.
In diesem Moment nicht zu urteilen, ist fast übermenschlich. Weil wir ständig vergleichen. Weil wir uns an den Entscheidungen, Haltungen und Lebensentwürfen anderer spiegeln. Und weil wir glauben, unsere Meinung müsse verteidigt werden – gegen das Fremde, das Andere, das Unbekannte. Wir wachsen mit bestimmten Selbstverständlichkeiten auf. Mit Regeln, Codes, Glaubenssätzen. Viele davon nie bewusst hinterfragt, weil sie nie nicht funktioniert haben. Bis andere Menschen sie aufbrechen.
Ich halte meine Meinung nicht für die Einzige. Aber schon für die plausiblere. Nicht die absolut richtige, aber die besser begründete. Und ja, das ist nicht cool von mir. (Aber hey – Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt.) Ich weiß, dass meine Weltansicht kein Maßstab für andere sein darf. Ich weiß, dass meine Werte nicht universell gültig sind. Ich weiß, dass ich niemanden ablehnen sollte, nur weil ich glaube, im Recht zu sein. Aber ich spüre, wie schwer es ist, bei mir zu bleiben, wenn andere mir zu fremd werden. Und ich weiß, wie schief das ist. Gleichzeitig frage ich mich: Wie oft benutze ich meine Meinung, um mich abzugrenzen? Um mich besser zu fühlen, klüger, reflektierter, richtiger? Wie oft ist mein Standpunkt ein stilles Podest? Ein unterschwelliges “Ich bin anders als du – besser“?
Es wirkt arrogant, doch es ist auch ein Schutzmechanismus. Ich will gar nicht über mein Gegenüber urteilen – vielmehr versuche ich, mein eigenes System zu verteidigen. Meine Werte. Meine Maßstäbe. Meine Vorstellung von der Welt. Denn was bleibt mir, wenn ich selbst meine Gewissheiten nicht mehr als Orientierung nutzen kann? Die Antwort ist unbequem, aber irgendwie auch schön: Dann bleibt das Lernen. Das Staunen. Das ständige Neuaushandeln von Welt und Wirklichkeit. Ich glaube, die Freiheit liegt nicht darin, alles zu bewerten. Sondern darin, nicht alles bewerten zu müssen. Zu wissen, dass ich nicht alles gut finden oder verstehen muss.
Auf den Punkt gebracht: Der Moment, in dem jemand die unausgesprochenen Regeln meiner Welt bricht, ist der schwierigste. Weil er ungefiltert ist. Weil er mich trifft, bevor ich mich sammeln konnte. Weil mein Körper längst auf Abwehr schaltet, bevor mein Verstand diplomatisch nachlegt. Aber: Genau da liegt auch der Schlüssel. Nicht im perfekten Überspielen. Sondern im ehrlichen Aushalten. Im neugierigen Fragen. Im anerkennenden Nicken. Im Zulassen der Möglichkeit, dass es mehrere Wege geben kann. Vielleicht reicht es manchmal, in diesem Moment einfach zu sagen: „Das ist nicht meins – aber vielleicht deins. Ich hätte es anders gemacht – aber das hier ist deine Entscheidung. Ich verstehe es nicht – und vielleicht muss ich das auch gar nicht.“ Oder: „Okay – spannend. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Erzähl mir mehr davon.“
Ich habe eine Meinung. Natürlich habe ich eine Meinung. Zu Dingen, zu Themen, zu Menschen. Ich beobachte, sortiere ein, analysiere. Ganz automatisch. Ziemlich menschlich. Aber meine Meinung muss nicht sticheln. Sie muss nicht kratzen. Sie muss deine Meinung nicht abwerten. Meine Meinung darf ihren Platz einnehmen – aber dafür muss sie deine nicht verdrängen.
