
In der vierten Klasse habe ich mir den Zeigefinger gebrochen und wochenlang einen Gips getragen. Als der endlich abkam, konnte ich den Finger kaum noch bewegen. Und ich dachte: Das bleibt jetzt so. Ich musste erst lernen, ihn wieder zu benutzen. Ganz langsam. Erst mal nur Murmeln zwischen Daumen und Zeigefinger rollen – was sich anfühlte wie Hochleistungssport. Heute ist das kein Thema mehr. Ich kann greifen, tippen, schnipsen. Alles wie früher. Nur die Erinnerung ist geblieben.
Warum erzähle ich das?
Vergangenes Jahr habe ich mich in einem Bereich selbständig gemacht, der gänzlich anders ist als alles, was ich vorher gearbeitet habe. Ich schreibe. Ich bin kreativ. Ich mache – nennen wir es einfachheitshalber – Kunst. Und Kunst hat keine Stechuhr. Keine festen Pausenzeiten, keine Anwesenheitsliste, keine vorgegebenen Arbeitsschritte. Sie lässt sich weder in Verkaufsstatistiken noch in Zielvorgaben oder geleisteten Stundenzahlen messen. Ich habe im Einzelhandel, in verschiedenen Büro- und sozialen Jobs gearbeitet. Jetzt geht es um Kreativität. Hier eine Idee, dort ein erster Textentwurf. Etwas recherchieren, umformulieren, ausdiskutieren. Gedanken ordnen, Rechtschreibung prüfen, ein passendes Foto finden. Umstände analysieren, Perspektiven wechseln, beides verständlich machen.
Im Prinzip arbeite ich ständig – noch vor dem Aufstehen, zwischen Zahnbürste und Nudelwasser, in der Gemüseabteilung oder während ich mit meinen Söhnen frühstücke (Moment, sag das noch mal – das war gut). Eigentlich immer dann, wenn ein Gedanke unbedingt rauswill. Ich mache, was ich am besten kann und am meisten liebe. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) meldet sich regelmäßig mein schlechtes Gewissen. Weil das, was ich tue, nicht aussieht wie Arbeit. Sich nicht so anfühlt. Und (noch) nicht angemessen bezahlt wird. Denn ‚richtige Arbeit‘ wird in unserer Gesellschaft noch immer zu oft über das Gehalt, den Hustle-Faktor oder die Erschöpfung am Freitagabend definiert. Früher habe ich Montage gehasst. Jetzt gibt es keine Montage mehr. Es gibt Schaffensphasen und Leere. Inspiration und Stillstand. Workflow und laaaange Pausen.
Was hat das mit dem gebrochenen Finger zu tun?
Ich musste erst lernen, ihn wieder zu bewegen. Jetzt darf ich lernen, wie Arbeit aussieht, wenn sie aus mir kommt – und nicht gegen mich arbeitet. Dass sie auch dann etwas wert ist, wenn sie nicht sichtbar ist. Nicht abrechenbar. Nicht kontrollierbar. Wenn sie keine messbare, kapitalisierbare Leistung darstellt und nicht effizient im klassischen Sinn ist. Ich darf lernen, dass auch dann etwas entsteht, wenn es sich nicht nach Leistung anfühlt. Dass Montag nicht der Feind ist. Und Produktivität auch ohne endlose Meetings funktioniert.
Mein ganzer Körper kennt noch das alte System: pünktlich sein, etwas „Ordentliches“ anziehen, Aufgaben abarbeiten, Ergebnisse liefern. Damals hieß „produktiv sein“: voller Schreibtisch, voller Terminkalender, voller Kopf. Jetzt ist immer noch viel zu tun – aber anders. Mehr Raum für Ideen. Für Prozess statt Produkt. Für Tiefe statt Tempo. Für Texte statt Tabellen. Mein Herz hat sich entschieden. Ich habe meinen Beruf gegen meine Berufung getauscht. Für etwas, das viele immer noch für ein Hobby halten. Etwas, das man nur machen darf, wenn die „richtige Arbeit“ erledigt ist (oder man reich geheiratet hat, was mir leider nicht vergönnt ist).
Ich mache Kunst, sage ich manchmal. Nicht, weil das alles erklärt, sondern weil es einfacher ist, als zu erklären, dass ich beim Kochen über Beziehungen, strukturelle Ungerechtigkeit und Popkultur nachdenke. Beim Duschen mit mir selbst rede, um zu hören, wie ein Argument klingt. Beim Zähneputzen Ideen aufschreiben muss, bevor sie wieder verschwinden. Mitten auf der Straße stehen bleibe, weil mir eine gute Formulierung einfällt. (Fun Fact: Die besten Texte entstehen nicht am Schreibtisch.)
Ich bin Autorin – weil es einfacher ist, als von unkontrollierbaren Gedankensprüngen, Sprachnotizen im Halbschlaf und unleserlichen Notizzetteln zu erzählen. Ich schreibe – weil es einfacher ist, als zu erklären, warum ich mittags noch im Pyjama bin, nicht weiß, ob ich schon geduscht habe oder welcher Wochentag gerade ist. Oder warum Kaffeetrinken für mich nicht nur Vergnügen, sondern ein wichtiger Teil des Prozesses ist – weil echte Geschichten nur da entstehen, wo echtes Leben passiert.
Ich schreibe auf, lösche, beginne neu. Ich durchdenke, was andere durchwinken. Hinterfrage, was viele für selbstverständlich halten. Benenne, was andere nur vage fühlen. Formuliere, worüber man eigentlich nicht spricht. Stelle Fragen, die unbequem sind, aber notwendig. Und das ist nicht nur ein netter Zeitvertreib. Kein süßes Nebenbei. Das alles ist Arbeit.
Es fühlt sich seltsam an, davon zu erzählen. Vielleicht, weil ich mich manchmal selbst noch daran erinnern muss, dass meine Arbeit auch dann echt ist, wenn sie keine Bürozeiten kennt. Keiner Hierarchie folgt. Kein festes Einkommen generiert. Von niemandem kontrolliert wird. Ich bin immer noch dabei, mich in all dem neu zu orientieren. Zwischen Freiheit und Selbstzweifel. Zwischen „Ich darf das“ und „Darf ich das?“. Zwischen dem Gefühl, alles richtig zu machen – und gleichzeitig zu glauben, nichts gemacht zu haben.
Mein Finger hat neu gelernt, sich zu bewegen. Jetzt darf mein Kopf lernen, Arbeit neu zu denken.

Ja, zu allem 🙂 „Jetzt darf ich lernen, wie Arbeit aussieht, wenn sie aus mir kommt – und nicht gegen mich arbeitet.“ Das fand ich generell auf dem Weg in die Selbständigkeit ungewohnt. Einmal wollte ich ein Lesezeichen für mich als Werbematerial erstelen und dachte bei allen Entwürfen, die ich gesehen habe, wie langweilig. Dann habe ich etwas gesehen, was mir richtig gut gefiel und fragte mich: Darf ich das? Habe dann entschieden, ja – wer soll es mir verbieten? Im schlimmsten Fall „funktioniert“ es nicht.