
Manchmal kommt es mir vor, als hätte Verbindlichkeit heute denselben Status wie Festnetztelefone – altmodisch, irgendwie sperrig, nicht mehr ganz kompatibel mit dem aktuellen Betriebssystem. Ich komme jetzt nicht mit „Früher war alles besser“ um die Ecke, was Verabredungen angeht, trifft es das allerdings schon irgendwie. Damals, als man sich für den Nachmittag um drei an der Haltestelle verabredet hat und dann auch um drei an der Haltestelle stand. Kein Sicherheitsnetz aus zehn WhatsApp-Nachrichten. Kein „Ich schaue vielleicht mal spontan vorbei“.
Heute ist alles offener, flexibler, durchlässiger und dadurch irgendwie wackliger. Ein „Lass mal was machen“ bedeutet meist gar nichts. Ein „Ich melde mich noch mal“ ist oft der sanfte Vorhang, der sich langsam, aber sicher zwischen zwei Menschen schiebt. Ich merke, wie ich darauf reagiere – ein bisschen genervt, ein bisschen gekränkt, ein bisschen irritiert. Weil ich es mir anders wünsche. Und ich frage mich: Wann ist das passiert? Wann wurde alles so vage?
Oft denke ich, es liegt an mir (natürlich). Vielleicht frage ich falsch. Vielleicht bin ich nicht klar genug oder zu viel. Vielleicht bin ich keine gute Gesellschaft. Vielleicht habe ich etwas gesagt oder getan, das mich aus dem Spiel nimmt. Vielleicht ist meine Anwesenheit nicht mehr gewünscht, und ich habe es nur nicht gemerkt. Zeige ich zu wenig, wie wichtig mir ein Treffen ist? Oder zu viel? Vielleicht wirke ich zu interessiert, zu verbindlich, zu bereit – und das schreckt ab. Weil Interesse heute oft schon als Bedürftigkeit gelesen wird. Und Bedürftigkeit ist ungefähr das Unattraktivste, was man in dieser „Lass mal flexibel bleiben“-Welt sein kann.
Oder haben wir Angst davor, sichtbar zu machen, was – oder wer – uns wirklich wichtig ist? Halten wir uns alle Möglichkeiten offen, um bloß nicht zu zeigen, was wir uns wirklich wünschen oder brauchen? Und verpassen wir damit nicht, einander etwas zu geben, was von Bedeutung sein könnte?
Vielleicht ist das oldschool, vielleicht sogar übertrieben von mir, aber für mich ist eine feste Verabredung auch ein (platonischer) Liebesbeweis. Ein „Ich habe dich in meinem Kalender eingetragen“ heißt für mich: Ich habe dich auf dem Schirm. Deine digitale Anwesenheit ersetzt für mich nicht deine physische Nähe. Ich will dich sehen. Ich nehme mir Zeit, ich nehme dich ernst. Du bist mir wichtig. Es ist eine Haltung. Eine Absichtserklärung. Ein Versprechen. Zumindest in meiner Welt.
Aber manchmal – und es ist mir wirklich unangenehm, das zuzugeben – antworte ich auf ein „Lass mal einen Kaffee trinken“ mit einem freundlichen „Klar, gerne“, hinter dem nichts steckt außer der Absicht, nicht unhöflich wirken zu wollen. Und ich schäme mich dafür, dass ich zustimme, obwohl ich innerlich längst weiß, dass es nie dazu kommen wird. Nicht aus Bosheit oder weil ich jemanden (ent)täuschen will, sondern weil es leichter ist, Nähe anzudeuten, während ich innerlich längst auf Abstand bin. Und hier wird der Zwiespalt besonders deutlich: Dass wir floskelhafte Versprechen machen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Dass wir uns daran gewöhnt haben, verbindlich zu klingen, ohne es wirklich zu sein. Dass wir Nähe simulieren, um Distanz nicht aussprechen zu müssen.
Und dieser leise Verrat schmerzt mich am meisten: Dass ich etwas einfordere, was ich selbst nicht immer bereit bin zu geben. Dass ich mir Verbindlichkeit wünsche, sie sogar als Wert begreife und mich dann doch selbst verrate, weil ich gelernt habe, dass ein leeres Ja weniger Schaden anrichtet als ein klares Nein.
In einer Welt, in der wir alle busy sind, in der Terminkalender bunter und voller sind als ein Taylor-Swift-Konzert, frage ich mich deshalb: Warum ist es so schwer geworden, Ja zu sagen? Frage ich drei Monate im Voraus, heißt es: „Boah, das ist ja ewig hin, wer weiß, was da ist.“ Frage ich drei Wochen vorher, kommt: „Puh, das ist mir jetzt zu kurzfristig.“ Gibt es dazwischen überhaupt noch ein passendes Zeitfenster?
Womöglich ist genau das der Knackpunkt: In einer Zeit, in der alles schneller, spontaner, effizienter werden soll, wirkt Verbindlichkeit plötzlich wie ein Anker. Schwer. Alt. Uncool. Wo bleibt da der Spaß, die Freiheit, das Gefühl, jederzeit alles umschmeißen zu können? Sich festzulegen bedeutet ja auch: sich festzumachen. Es nimmt Optionen vom Tisch. Es kann sich eng anfühlen. Starr. Und klar, ich kenne das auch, wenn ich einen Termin ein halbes Jahr im Voraus zusage und dann kommt Tag X.
Dann erwische auch ich mich, wie ich absagen will, weil ich müde bin, keine Lust habe oder lieber allein sein möchte. Gleichzeitig weiß ich: Wenn wir uns nie festlegen, wenn wir alles immer offen lassen, wird irgendwann einfach kein gemeinsames Zeitfenster mehr frei sein. Dann verläuft Nähe im Sand zwischen „mal schauen“ und „passt gerade nicht“. Dann geht es nicht nur darum, ob wir Zeit füreinander finden, sondern wo wir sie im Kalender unterbringen – und mit welcher Priorität. Ein gemeinsamer Kaffee sollte nicht nur in den Terminplaner, sondern auch in die eigene Kapazität passen. Verbindlichkeit heißt auch: Ich plane dich so ein, dass ich wirklich da bin. Nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Vielleicht ist genau das die Herausforderung: Verbindlichkeit nicht als Zwang zu sehen, sondern als Angebot. Als Gegenentwurf zur Dauerverfügbarkeit, zur digitalen Unverbindlichkeit, zur Illusion, jederzeit alles gleichzeitig haben zu können. Vielleicht ist es sogar genau das, was Beziehungen brauchen. Etwas Stabiles. Etwas, das die Beschleunigung herausnimmt. Das ankert, festhält. Halt gibt.
Und du? Bist du schon verabredet – oder lässt du es noch offen?
