
Ich habe aus Versehen angefangen, meine Kindheit zu hinterfragen. Genauer gesagt: meine Kindheitsfilme. Noch genauer: Disney. Und was soll ich sagen – es war keine Nostalgie, die mir den Atem geraubt hat, sondern eine, die mich mit einem Kloß im Hals zurückließ. Weil ich plötzlich gesehen habe, was früher unsichtbar war.
Als Millennial bin ich mit Bambi, Peter Pan, Das Dschungelbuch, Der König der Löwen und Aladdin groß geworden. Klare Heldengeschichten. Und die Helden? Immer männlich. Bambi. Peter Pan. Mowgli. Simba. Aladdin. Und ihre Sidekicks? Auch männlich. Klopfer. Die verlorenen Jungs. Balu und Bagheera. Timon und Pumbaa. Dschinni. Nicht eine weibliche Figur, die mehr sein durfte als Love Interest, Mutter oder dekoratives Beiwerk. Mir ist das früher nie aufgefallen. Heute sehe ich es glasklar.
„Aber es gibt doch die Disney-Prinzessinnen!“, könnte man jetzt einwerfen. Ja. Aber selbst in den Filmen, die nach ihnen benannt sind, sind diese Mädchen nicht die Heldinnen ihrer eigenen Geschichte. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen, Arielle, Belle, Pocahontas. Ihnen allen wird übel mitgespielt. Sie werden verflucht, getäuscht, eingesperrt, entführt – bis er kommt und sie erlöst. Der Prinz. Der Retter. Der Typ mit Schwert, Status und Lippen, der keine Ahnung hat, wer sie überhaupt ist. Egal – lass küssen. Küssen bringt Erlösung. Un-fass-bar.
Und als wäre das nicht empörend genug, sind die Gegenspieler fast immer Frauen: böse Königinnen, eifersüchtige Stiefmütter, machthungrige Hexen, neidische Schwestern oder rachsüchtige Feen. Kann man sich nicht ausdenken. Die Botschaft: Bist du eine Frau, musst du entweder gerettet werden oder du bist gefährlich und böse.
Bei Disney gibt es keine weiblichen Allianzen. Keine dieser Prinzessinnen hat eine Freundin. Keine! Schneewittchen muss gleich mit sieben (männlichen) Zwergen zusammenleben. Cinderella redet mit Vögeln und Mäusen, Pocahontas mit einem Waschbär. Dornröschen hat im Prinzip drei Feen um sich, aber so richtig hilfreich sind die auch nicht. Arielle scheint die einzige MeerjungFRAU überhaupt zu sein und Belle vertraut sich einer sprechenden Uhr und einem Kerzenständer an. Tiere, Objekte, Fantasiefiguren – I mean, really?
Allein gelassen, ohne echte Verbündete – das Bild der Heldin ist nichts als Fassade. Denn sie sind keine Gestalterinnen ihrer Welt. Ihnen wird etwas genommen: Stimme, Freiheit, Handlungsmacht, Würde. Und sie dürfen es nicht selbst zurückholen. Die Rettung kommt von außen. Immer von einem Mann. Immer romantisch aufgeladen. Immer mit dem Versprechen: Wenn du nur schön genug bist, brav genug, lieb genug – dann wirst du gesehen. Dann wirst du gewählt. Dann wirst du erlöst.
Als Kind habe ich das geschluckt wie Smarties. Kein Wunder, dass ich lange dachte: Eines Tages kommt einer und rettet mich. Vor meiner Einsamkeit. Vor meinen Zweifeln. Vor mir selbst. Halleluja. Amen. Denn in den Disney-Filmen meiner Millennial-Kindheit redeten, handelten, kämpften und retteten fast ausschließlich Männer. Es war immer dasselbe alte Märchen, wieder und wieder aufgewärmt, bis es auch das letzte Mädchen kapiert hatte: Du bist wichtig, wenn dich jemand liebt. Du bist wertvoll, wenn jemand dich will. Und wenn du dich veränderst, dann tu es für ihn.
Ich sage nicht, dass Disney an allem schuld ist. Aber ich weigere mich, so zu tun, als hätte das keine Wirkung auf mein Weltbild gehabt. Diese Geschichten sind keine harmlosen Märchen. Sie sind Blaupausen. Sie prägen unsere Vorstellung davon, wie und wer wir sein dürfen. Sie zeigen uns, wie Mut, Freiheit oder Abenteuer aussehen. Und als Mädchen der 90er war das ziemlich klar: Mut, Freiheit, Abenteuer – das war nichts, was man allein leben durfte. Das gab es nur im Doppelpack mit einem „Prinzen“.
Ich kann das nicht mehr. Ich will endlich andere Geschichten hören. Geschichten über Mädchen und Frauen, die nicht reduziert werden. Die mehr sind als Love Interest, Mutter oder hübsches Beiwerk. Über Protagonistinnen, die nicht warten, sondern losgehen. Die niemand retten muss, weil sie sich selbst retten. Über Heldinnen, die ihre eigene Story schreiben. Ich will Geschichten, in denen es nicht nur um Männer oder Liebesdramen geht, sondern um Freundschaften, Träume und Selbstbestimmung. Um Niederlagen, Mutproben und Sehnsüchte, abseits der Frage: Für wen wird sie sich entscheiden?
Und ich will, dass diese Geschichten nicht die Ausnahme bleiben, sondern endlich zur Regel werden. Denn ich frage mich: Wie viel Schmerz hätte sich das Mädchen, das damals mit großen Augen Disney geschaut hat, wohl erspart – hätte es schon damals eine Heldin gegeben, die niemanden brauchte, um sie selbst zu sein?
