
Im Supermarkt meines Vertrauens gibt es jetzt vegane Butter. Finally. Ich kaufe sie, probiere sie – und bin happy. Alle Kriterien erfüllt. Als finalen Test biete ich sie meiner Mum an, die nicht vegan lebt. Sie merkt keinen Unterschied. Keinen! Und genau das macht einen Unterschied.
Die vegane Butter kostet auch nicht mehr als Kuhmilchbutter. Kein Mehraufwand, kein Geschmacksverlust. Ich frage mich: Wenn es keinen Unterschied für den Einzelnen macht, im Ganzen aber schon, warum dann nicht einfach mal das Kaufverhalten ändern? (Ja, ich weiß. Vegan ist nicht für alle eine Option. Ich weiß auch, wie viele allein beim Wort „vegan“ innerlich den Mittelfinger hochfahren. Aber stellen wir es uns kurz vor: Dieselbe Stulle wie immer würde plötzlich ein bisschen weniger am Planeten nagen. Wie verrückt wäre das?)
Während ich mir die Butter aufs Brot schmiere, geht mein Kopf spazieren. (Meine Gedanken machen das gern – einfach loslaufen und mich gänzlich planlos hinter sich herziehen.) Etwas zu ändern ist manchmal erstaunlich einfach. Ein winziger Schritt reicht, um etwas Großes loszutreten. Ich denke an die vielen Male zurück, an denen ich eine große Entscheidung und damit eine große Veränderung in meinem Leben losgetreten habe. Ich mache das. Ich kann das – Dinge verändern. Oft halte ich es sogar für unumgänglich.
Es gibt, so glaube ich, zwei Arten von Veränderung: die, die wir wollen, und die, die uns überrollt. Innen und außen. Selbstbestimmt und fremdbestimmt. Ich habe beides erlebt, beides getan. Und zumeist ging es dabei um die großen Drei – Liebe, Gesundheit, Geld. Ich habe mehr als einmal meinen Job gekündigt. Jedes Mal ohne Plan B. Ich habe Beziehungen beendet. Freundschaften. Schweren Herzens auch meine Ehe. Jedes Mal wusste ich: Ich stecke in einer Sackgasse. Ich halte das nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr. Veränderung war nicht Luxus, sondern Überlebensstrategie.
Für mich ergeben sich aus meinen Erfahrungen zwei Vorgehensweisen: Wir verändern etwas, weil wir es wollen, weil wir es für richtig halten. Wir scheren uns nicht um die Konsequenzen, weil keine Pro-und-Contra-Liste das innere Bedürfnis, dieses leise Wissen – „Ich muss es jetzt tun“ – abbilden könnte. Und dann gibt es Veränderungen, die wir so lange aufschieben, bis sie uns fast umbringen. Wir negieren. Wir verneinen. Wir klammern. Halten fest. Tun alles, ALLES, damit sich nichts ändert. Als könnten wir so das Leben austricksen. (Spoiler: Können wir nicht.) Veränderung ist nicht gewünscht. Veränderung macht Angst. Aber Veränderung kann nicht aufgehalten werden. Der Druck von außen steigt, bis es uns fast erdrückt.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, fällt mir auf: Bei Geld saß ich meistens am Steuer. Reich war ich nie – es hat oft nur knapp fürs Nötigste gereicht. Aber die Angst vor Mangel hat mich nie davon abgehalten, zu kündigen, wenn ein Job meine Seele auffraß. Bei der Liebe habe ich mit den Jahren das Fahren gelernt. Gelernt, wann es Zeit war, loszulassen – auch wenn das Herz noch protestierte. Aber bei Gesundheit bin ich mehrfach sehenden Auges ins Verderben gelaufen. Hier hat das Leben entschieden, wann es nicht mehr weiterging. Meine Depression drückte mich zu Boden, bis ich keine Wahl mehr hatte. Ich war Beifahrerin in einem Auto ohne Bremsen.
Warum harren wir aus, bis uns das Leben keine andere Wahl mehr lässt? Warum sitzen wir still und tapfer lächelnd da, während alle Zeichen auf Absturz stehen? Wir sehen uns bereits auf den Abgrund zufahren, und trotzdem denken wir: „Ach, so ernst ist es nicht, die Kurve kriege ich noch.“ WTF?!
Wäre es nicht viel klüger, sich ans Steuer zu setzen, bevor die Kollision unvermeidlich ist? Das Lenkrad unseres Lebens fest in den Händen zu halten, bevor uns das Leben in den Abgrund fahren lässt? Wäre es nicht viel einfacher, sich Veränderungen zu stellen, wenn wir es wollen, nicht erst, wenn wir müssen? Entscheidungen zu treffen, während wir es noch können, nicht, weil wir keine Wahl mehr haben?
Ich weiß, wie es ist, wenn das Leben einem die Entscheidung abnimmt. Wie furchteinflößend erzwungene Veränderungen sind. Mir ist das Gefühl vertraut, nicht mehr zu steuern, sondern nur noch mitgerissen zu werden. Ich habe oft gestrauchelt, gekämpft, bin zerbrochen und habe gedacht: Ich schaffe es hier nicht lebend raus.
Deshalb weiß ich heute: Nicht jede Entscheidung muss eine Welterschütterung sein. Nicht jede Veränderung ist eine Scheidung, eine Kündigung, eine Diagnose. Nicht jede Wahl verändert das ganze Leben. Statt uns von den harten Brocken unvorbereitet treffen zu lassen, können wir trainieren. Wir können Veränderung üben, solange sie noch optional ist. Denn wenn wir nur dann Entscheidungen treffen – oder schlimmer: von Entscheidungen getroffen werden –, wenn uns das Leben keine Wahl mehr lässt, dann fühlt sich alles nur noch nach Katastrophe an.
Üben heißt: das Steuer in der Hand behalten, solange die Straße noch frei ist. Kleine Abzweigungen nehmen, bevor uns das Leben an die Leitplanke drückt. Eine alte Gewohnheit austauschen. Ein anderes Wort wählen. Ein neues Produkt kaufen. Winzige Entscheidungen, die uns zeigen: Ich kann anders. So entkräften wir die Angst vor Veränderung. Wir lernen, dass sie nicht immer schmerzhaft ist und nicht zwangsläufig Verlust bedeutet. Wir gewöhnen uns daran, dass anders auch gut sein kann. So stärken wir den Muskel der Selbstbestimmung. Damit wir uns nicht völlig ohnmächtig fühlen, wenn es ernst wird. Damit wir wissen, wie es sich anfühlt, eine Wahl zu haben – und sie im entscheidenden Moment zu treffen.
Kleine Entscheidungen werden zu Trainingseinheiten. Sie machen uns beweglicher, mutiger, flexibler. Heute vielleicht vegane Butter. Morgen weniger Weltuntergang beim Brote schmieren. Und beim nächsten Mal, wenn ich denke, das Leben reißt mir das Steuer aus der Hand, erinnere ich mich: Ich habe geübt. Ich weiß, wie man die Kurve kriegt.
