Squish – kleines Kopfkino, großes Gefühl

„Mama, hast du einen Crush auf Bill Kaulitz?“, fragte mich mein Erstgeborener letzte Woche. Wir hatten gerade über die Einweihungsparty seines neuen Pools gesprochen – die Bill bildreich auf Instagram geteilt hat.

Und in diesem Moment dachte ich: Ja, irgendwie schon – aber nicht im romantischen Sinn. Eher so: Mit dem wäre ich gern Besties. Gemeinsam Sektchen trinken, nachts über Sinn und Unsinn reden, gegenseitig Outfits aussuchen, zum 100. Mal Titanic schauen. Dieses leichte Kribbeln, das nichts mit sexueller Anziehung, aber alles mit Nähe zu tun hat.

Ein „Crush“, so erklärte mir mein Zweitgeborener mit der unerschütterlichen Logik eines 13-Jährigen, ist, wenn du entweder das Aussehen oder den Charakter von jemandem magst. Beides zusammen wäre dann „verliebt sein“. (Ganz ehrlich: meine Teenager haben für alles eine sehr präzise Definition).

Das Wort „Crush“ bedeutet im Englischen übrigens „zerdrücken, zerquetschen“. Und irgendwie passt das. Weil man bei einem Crush das Gefühl hat, von einer herzförmigen Welle aus Verknalltheit plattgewalzt zu werden. Man fühlt sich überwältigt, ohnmächtig und ausgeliefert zugleich. 

Aber wie könnten wir dieses Gefühl nennen – wenn wir jemanden kennenlernen und plötzlich Herzflattern bekommen, nicht weil wir ein Date wollen, sondern weil wir denken: Mit dir will ich befreundet sein? Ich habe dieses Gefühl schon häufiger erlebt. Zum Beispiel bei Laura. Ich lernte Laura bei einem Online-Workshop kennen und war sofort von ihr fasziniert. Sie hatte diese Art, leicht und tief zugleich. In ihrer Präsenz fühlte ich mich gesehen und verstanden. Ich wusste sofort: Mit ihr will ich befreundet sein. Also bin ich diesem Gefühl nachgegangen.

Aus Sprachnachrichten wurden Zooms, aus Zooms Zugtickets und eines Tages standen wir uns gegenüber, als hätten wir uns schon ewig gekannt. Weil wir unsere gemeinsame Zeit nicht mit Oberflächlichkeiten oder Small Talk verschwenden. Diese Aufrichtigkeit, diese Selbstverständlichkeit, diese Vertrautheit: Das ist nicht nur schön. Das ist Squish.

Denn genau so heißt dieses Gefühl. Ich habe danach gesucht und es gefunden: Squish. Abgeleitet von „to squish“, was so viel heißt wie „quetschen, knautschen, zusammendrücken“. Anders als das harte „Crush“ trägt „Squish“ etwas Weiches in sich. Es ist mehr Knautschzone als Dampfwalze. Es fühlt sich an wie eine Umarmung in Wortform. Ein platonisches Verknalltsein – Resonanz statt Romantik, Nähe ohne sexuelles Begehren.

Was unterscheidet diese beiden Gefühle? Squish hat nicht die Dramatik der romantischen Verliebtheit. Dieses endlose Spiel aus Anziehung, Nähe und Distanz. Beim Squish geht es um das Bedürfnis, jemanden im Leben zu haben, dessen Präsenz trägt. Dessen Wesen das Leben bunter, echter, fühlbarer werden lässt. Nähe fühlt sich leicht an, vertraut, ungefährlich und zugleich kraftvoll. 

Diese Verbindung schenkt Sicherheit ohne Enge. Verständnis ohne Urteil. Freiheit ohne Forderung. Resonanz ohne Eifersucht. Loyalität ohne Besitzanspruch. Und daraus wachsen gemeinsame Erinnerungen, die nicht von Romantik leben, sondern von langen Gesprächen, spontanen Abenteuern und Blicken, die mehr sagen als ein Roman.

Es ist eine Verbindung, die nichts mit romantischer Liebe zu tun hat – sondern mit der puren Freude, einem Menschen nah zu sein, gemeinsam zu wachsen, einander zu spiegeln und zu stärken. Und plötzlich ergibt alles Sinn: Auch Freundschaft kann Herzklopfen auslösen, kennt Begehren, kann Sehnsucht sein. Doch wir koppeln solche Gefühle für gewöhnlich an Romantik, als wäre Nähe immer exklusiv mit körperlicher Anziehung verbunden. Dabei ist genau das ein Irrtum. Und Squish liefert das fehlende Wort dafür.

Benutzt wird es primär in queeren Communitys, ursprünglich im Umfeld von Asexualität und Aromantik. Es beschreibt genau das, was mir gefehlt hat: ein platonisches Verknalltsein. Ein Crush ohne sexuelle Anziehung, dafür mit Sehnsucht nach Vertrautheit, miteinander geteilter Zeit, gemeinsamen Lachanfällen.

Für jemanden wie Bill Kaulitz bräuchte es allerdings noch eine eigene Kategorie von Squish, denn ihn kenne ich schließlich nicht persönlich. Dieses Squish ist eher ein Wunsch nach Freundschaft, ein kleines Kopfkino, ein „Wie es wohl wäre, wenn“, – im Wissen, dass es Fiktion bleibt (diese kleine Fantasie gönne ich mir).

Doch Squish kann eben auch zur Realität werden, wenn zwei Menschen einen Squish aufeinander haben. So wie bei Laura: Aus einer anfänglichen Sehnsucht nach Verbindung ist echte Verbundenheit entstanden. Kein projiziertes Gefühl, kein Kopfkino, sondern Resonanz, die im Kontakt gewachsen ist.

Und solche Erfahrungen nähren meine Überzeugung, dass Squish wahrscheinlich die ehrlichste Form von Zuneigung ist. Eine, die nicht in dein Bett will, sondern in dein Leben. Und mal ehrlich: Dort spielt sich ohnehin das Wesentliche ab.

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