Headliner der Zukunft

Letzten Samstag war ich auf einem Konzert von Yung Pepp – Rap-Newcomer mit Haltung (lieben wir) und das Coolste, was Leipzig gerade zu bieten hat. Die Sonne ist längst verschwunden, der Himmel noch milchig-blau. Bühnenlicht flutet den Platz. Bass lässt den Boden vibrieren. Hände fliegen in die Luft. Körper bewegen sich synchron im Takt. Und ich stehe mittendrin in dieser wummernden Masse, zwischen Bauchtaschen, weiten Hosen und einem Selbstverständnis, das mir fast fremd vorkommt – und genau deshalb so beeindruckend ist.

Und ich denke: verdammt, die sind gut. Diese Kids, die da grölen, tanzen, ihr Leben in Insta-Stories teilen und trotzdem so viel klarer, lauter und kompromissloser sind, als wir es damals waren. Ich bin stolz. Stolz auf diese Generation, die da gerade in die Nacht hineinruft, dass sie da ist und die sich so selbstverständlich ihren Platz nimmt, dass man fast vergisst, wie neu das eigentlich ist. 

Mein Teenager-Ich kommt aus den Nullerjahren. Ich habe Bravo gelesen, MTV gesuchtet und Castingshows geschaut, als wären sie Kulturgut. Toxische Männlichkeit wurde mir als Entertainment und Alltagsrassismus als Comedy präsentiert. GNTM verkaufte mir Essstörungen als Lifestyle, während Homosexualität als sittenwidrig galt. Wir haben das alles inhaliert, weil es die Luft war, die uns umgab. 

Heute schütteln wir die Köpfe über Boomer-Kommentare, aber ich weiß: in Zukunft sind wir es, über die Gen Z & Alpha die Augen rollen. Wir sind ihre Boomer, egal für wie viel besser aufgeklärt und therapiert wir uns halten. Sozialisation klebt an uns wie Glitzer – wir werden sie nie ganz los (und spätestens im Tageslicht glitzert es dann an Stellen, wo man es gar nicht gebrauchen kann).

Genau das will ich meinen beiden Teenagern heute ersparen. Dass sie dieselbe schlechte Luft einatmen müssen, aus der wir Millennials uns noch heute mühselig herausarbeiten. Ich will, dass sie frei atmen können. Ich will ihnen Räume öffnen, in denen sie groß träumen, Neues ausprobieren und sich anders entwickeln dürfen, als es uns Millennials jemals erlaubt war. Dafür ringe ich sogar meine Angst nieder, sie könnten sich hoffnungslos verlaufen.

Und darum macht es mich auch jedes Mal traurig, wenn ich andere Eltern treffe, die so verbissen an „ihrer“ Generation und „ihrer“ Erziehung festhalten. Die gar nicht merken, wie sehr sie gerade verpassen, von ihren eigenen Kids zu lernen. Diese Arroganz der Erwachsenenwelt. Aber klar: man muss halt auch aushalten können, dass die eigene Weisheit nicht das Maß aller Dinge ist.

Dabei zeigen uns die Jüngeren längst, wohin es gehen kann. Von Gen Alpha können wir schon heute lernen, dass Gender keine Bedrohung, sondern Freiheit ist. Dass Mental Health kein Tabu, sondern Alltagssprache sein darf. Dass digitale Räume nicht nur Abhängigkeit bedeuten, sondern auch Protestfläche, Safe Space, Freundschaftsnetzwerk. Gen Alpha, die global vernetzt sind, während wir noch Lokalpatriotismus auf Schüler-VZ gespielt haben. Die mutig, unbequem, laut, neugierig, politisch und radikal sind, während wir versucht haben, möglichst unauffällig ins System zu passen, weil das im Lebenslauf besser aussieht. 

Sie stellen Fragen, wo wir Ausreden haben. Sie sind in vielerlei Hinsicht besser als wir. Nicht, weil sie keine Fehler machen, sondern weil sie etliche unserer Fehler gar nicht erst übernehmen. Das ist, was wir ihnen geben können. Als Wiedergutmachung. Auch für uns selbst. Genau das ist unser Beitrag: dass wir immer öfter STOP sagen. Dass wir aufhören, „früher war alles besser“ zu predigen. Dass wir anfangen, unsere Kinder – die eigenen oder die im weiteren Sinn – hier und da zu schubsen, zu inspirieren, zu verstehen. Dass wir endlich Dinge hinterfragen, vom „so ist das halt“, hin zu „warum eigentlich?“, auch wenn es manchmal wehtut.

Und während der Bass meinen Herzschlag verschluckt und der Himmel sich schwarz färbt, verspüre ich ein Ziehen. Diese Melancholie, die daherkommt wie ein alter Song, den ich nicht mehr hören will und dann doch wieder laut mitgröle (an diesem Abend Nur ein Wort von Wir sind Helden). Yung Pepp sagt, dass es sein erstes eigenes Konzert ist. Das erste Mal Headliner. Das erste Mal Hauptakt. Ich vermisse dieses „erste Mal“-Gefühl.

Wenn sich alles neu anfühlt, unverbraucht, aufregend, groß und ein bisschen gefährlich. Dieses Gefühl, dass ich die Erste bin, die das gerade so fühlt, obwohl ich es natürlich nicht bin. Unerschöpfliche Neugier, die nur jene kennen, die keine Verantwortung tragen. Schmetterlinge im Bauch, die nicht nerven, sondern elektrisieren, so, dass kein Energy Drink der Welt mithalten kann.

(Wo kriegt man das als Erwachsene nochmal her?)

Heute fehlt das oft. Alles hat schon eine Geschichte, eine Konsequenz, einen Rahmen. Gerade deshalb sollten wir den Jüngeren den Freiraum lassen, ihre ersten Male zu erleben – ohne unsere Regeln und Normen. Ohne unseren Zynismus. Ohne unsere verdammte Besserwisserei.

Ich möchte mir das bewahren. Ich will nicht die werden, die mit verschränkten Armen „die Jugend heutzutage“ seufzt, während sie sich heimlich wünscht, wieder jung zu sein. Ich will die sein, die mittanzt, mitdenkt, mitlernt. Ich will teilhaben. Zuhören. Möglicherweise ein bisschen irritiert schauen, aber eben auch anerkennen. Und als Yung Pepp ‚Leipzig, wollt ihr mehr?!‘ ins Mikro ruft, lächle ich: Ja. UNBEDINGT.

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