
Ich bin mit einem Narrativ groß geworden, das Frauen zu Feindinnen erklärte. 2000er-Popkultur bedeutete: Mean Girls statt Sisterhood. Britney gegen Christina. Paris gegen Nicole. Heidi Klum, die anderen Frauen propagierte, dass nur „eine von euch“ Germany’s Next Topmodel werden könne.
Die Botschaft: Es gibt nicht genug Platz. Nur eine kann glänzen, nur eine gewinnen.
Trotzdem genieße ich heute das Privileg, Frauen an meiner Seite zu wissen, die dieses Spiel längst nicht mehr mitspielen. Freundinnen. Verbündete. Schwestern. Frauen, die wild sind, leise, laut, tief, frei, verletzlich. Frauen, die mein Herz berühren, ohne dafür eine Rolle zu bedienen.
Nur: Sie glauben es selbst nicht.
In den vergangenen Monaten habe ich mit Frauen in den unterschiedlichsten Lebensphasen immer wieder dasselbe Gespräch geführt. Sie zählen auf, was sie leisten, organisieren, pflegen, ordnen, tragen. Sie offenbaren, dass es sie aufreibt, erschöpft, überfordert, wütend macht. Und eines Tages bricht es aus ihnen heraus.
Sie glauben, sie müssen eine vorgegebene Rolle ausfüllen. Müssen tun und sein, was ihnen Gesellschaft, Sozialisierung und Patriarchat vorgeben. Sie fragen mich unter Tränen: „Wenn ich aufhöre, das Care-Paket für alle anderen zu tragen – was an mir wäre dann noch liebenswert? Was habe ich dann noch zu bieten?“
Jedes Mal bin ich fassungslos. Mir fallen sofort fünf Gründe ein, warum sie liebenswert sind. Zehn, wenn ich kurz Zeit habe, um nachzudenken. Am liebsten würde ich sie packen, schütteln, anschreien:
Du bist klug.
Du bist clever.
Du bist charmant.
Du bist witzig.
Du bist empathisch.
Du bist kreativ.
Du bist stark.
Du bist loyal.
Du bist rebellisch.
Du bist schlagfertig.
Du bist anziehend.
Du bist mutig.
Du bist inspirierend.
Du bist mehr als irgendeine Rolle aus einem Rom-Com-Drehbuch, einem 2000er-Boyband-Song oder einem Familienratgeber.
Du bist einzigartig.
Unter 8 Milliarden Menschen gibt es niemanden, der so ist wie du.
Niemand.
Und doch können sie genau das an sich nicht sehen. Sie glauben, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu geben. Ich kenne das. Ich war genauso.
Jahrelang habe ich gedacht: Wenn mich niemand liebt, muss es an mir liegen. Ich bin so lange Single, dass ich in schwachen Momenten überzeugt war: Kein Mann wird mich je wieder lieben. Ich bin nicht gut genug. Ich verdiene es nicht besser. (Klassische Rom-Com-Logik: Happy End nur mit Boyfriend. Definitiv Bullshit.)
Es brauchte Zeit, Reflexion und verdammt viel unbequeme Innenschau, bis ich kapierte: Liebe ist nichts, was ich mir verdienen muss. Sie ist keine Währung für das Übernehmen von Mental Load oder Care-Arbeit. Wenn jemand mich nur liebt, weil ich funktioniere, bemuttere, organisiere, weil ich Wäsche wasche und Termine im Blick behalte – dann ist das keine Liebe. Das ist ein Deal. Eine Zweckgemeinschaft. Ich gebe, jemand anderes nimmt.
Es macht mich wütend, wie tief uns das Patriarchat eingeredet hat, dass wir weniger wert sind, wenn wir aufhören, „unsere“ Rollen auszufüllen. Es war harte Arbeit, mich aus dieser Erzählung herauszukämpfen und zu begreifen: Ich bin vollständig. Auch ohne Plus-Eins. Ohne romantische Außenbestätigung. Ohne jemanden, der mir das Gefühl gibt, „genug“ zu sein. Und ohne einen Preis für diese Zuneigung zahlen zu müssen.
Vielleicht klingt es radikal, aber: Ich bin die einzige Person, mit der ich für den Rest meines Lebens zusammen sein muss. Alle anderen Beziehungen kommen und gehen. Nur die mit mir bleibt lebenslänglich. Und mal ehrlich: Wer will sein Leben lang in einer toxischen Beziehung mit sich selbst gefangen sein?
Während die Welt uns Frauen also weiterhin predigt, dass wir nur liebenswert sind, wenn wir leisten, pflegen, versorgen und all das still aushalten, will ich das Gegenteil kultivieren. Jeden Tag übe ich mich darin, mich selbst wertzuschätzen und meine Erfolge anzuerkennen. Ich arbeite daran, meine Grenzen zu respektieren, für mich einzustehen und nachsichtig mit mir zu sein. Ich achte darauf, meine Kreativität auszuleben und meinen Träumen zu folgen.
Mein Wert als Frau hängt nicht davon ab, wie viel ich organisiere, pflege, ordne, wie viel Care-Arbeit ich „nebenher“ leiste oder wie viel Mental Load ich täglich allein jongliere. Für nichts davon gibt es einen Orden. Oft nicht einmal ein Dankeschön. Und je älter ich werde, desto mehr will ich die Geschichten meiner Kindheit und Jugend, meine Rollenbilder, Glaubenssätze und Konditionierungen hinterfragen.
Die Antworten, die ich dabei finde, verändern mich. Sie verändern, wie ich die Welt sehe, wie ich mich in ihr bewege. Aber ich kann das nur tun, wenn ich weiß, dass ich für den Menschen geliebt werde, der ich bin. Nicht für die Rolle, die mir auferlegt wurde.
Tatsächlich glaube ich: Wenn ich meinen eigenen Wert kenne, ziehe ich Menschen an, die ihn zu schätzen wissen. Darin liegt auch der Sinn all meiner Gespräche mit Frauen: dass wir einander spiegeln, erinnern, stärken. Dass wir gemeinsam den eingebrannten Zweifeln etwas entgegensetzen und uns immer wieder dabei unterstützen, unseren eigenen Wert anzuerkennen. Heidis Spiel ist Konkurrenz. Unseres ist Schwesternschaft.
Die Botschaft: Es gibt genug Platz. Alle können glänzen, alle gewinnen.
