Ü40-Party (Single Version)

Einen Monat nach meinem 40. Geburtstag gehe ich mit meinen verheirateten Freundinnen auf eine Ü40-Party. Wir tanzen, wir singen laut mit, wir schwitzen uns durch die Playlist von Bowie bis Backstreet Boys. Irgendwann wollen sie wissen, welcher Mann mir gefallen würde. Ich sage: Henry Cavill in The Witcher. Augenrollen. Lachen. „In echt“, sagen sie. „Hier im Raum!“

Ich sehe in ihre erwartungsvollen Gesichter und fühle mich schlagartig zurückversetzt in eine Zeit, in der das Bewerten von Typen ein lustiges Partyspiel war. Da ich nicht die Spielverderberin sein will, drehe ich eine Runde, halte mich demonstrativ an der Bar auf und scanne den Raum. Zurück bei meinen Freundinnen schüttele ich den Kopf. „Und?“, fragen sie. „Sorry, nein.“ Mir gefällt niemand. Kein Funke springt über, kein Geralt von Riva weit und breit.

Am Ende gehen meine Freundinnen nach Hause zu ihren Männern. Ich gehe nach Hause zu – mir. Und meine Wohnung empfängt mich, wie nur die eigene Wohnung es kann: still, unaufgeregt, ehrlich. Kein leerer Raum, sondern mein Wohlfühlort, mein Safe Space. Ich kuschle mich in mein Bett, dankbar und zufrieden, dass ich es mit niemandem teilen muss. Und doch gibt mir der Abend zu denken.

Warum dieses Drängen, ich müsse jemanden haben? Warum löst mein Single-Sein bei anderen so viel Sorge aus, als hätte ich eine offene Wunde, die dringend verarztet werden muss? Vielleicht, weil ich selbst jahrelang geglaubt habe, dass ich nur mit „+1“ komplett bin. Dass mein Wert sich daran bemisst, ob abends ein Mann neben mir liegt.

Bin ich deshalb seit acht Jahren Single? Nein. Das war kein mutiger Masterplan und kein feministisches Manifest, sondern eine Mischung aus psychischen Problemen, Pandemie und null Lust auf Beziehungsdramen. Männer standen nie hoch auf meiner To-do-Liste, und so schlug mein Radar immer seltener aus, bis ich eines Tages ganz aufhörte, überhaupt Ausschau zu halten.

Doch nach dieser Party denke ich: Vielleicht sollte ich es noch einmal probieren. Vielleicht, um meine Freundinnen zu beruhigen. Vielleicht, um die schlechten Erfahrungen der Vergangenheit mit besseren zu überschreiben. Vielleicht, um mir zu beweisen, dass ich nicht bereits aufgegeben habe. Turns out: Nicht ich habe aufgegeben.

Was jetzt kommt, klingt wie billiges Storytelling – und ich wünschte, es wäre auch nur das. Aber nein, es lief genau so ab. Die Männer, die ich kenne oder kennengelernt habe, sind ab 40 stetig darum bemüht, den Status quo zu konservieren. Stillstand als Lebenskonzept – alles soll so bleiben, wie es ist.

Diese Männer haben keine Sprache für ihre Gefühle, aber jede Menge faule Ausreden. Worte, die heute gesagt werden, haben morgen schon keine Bedeutung mehr. Lügen werden leichtfertig, aus Bequemlichkeit und oft auch aus Feigheit, erzählt. Sie beantworten keine Nachrichten, weil sie „krass beschäftigt“ sind, während sich ihr Status regelmäßig mit „lustigen Videos“ füllt.

Sie halten sich für feministisch aufgeklärt, während ihre Ehefrau (alternativ Mama) ihre Wäsche wäscht. Sie nehmen zwei Monate Elternzeit, weil mehr auf keinen Fall geht (sie sind schließlich unersetzlich im Job), und fühlen sich dabei wie Helden. Ein voller Mülleimer oder die Frage, was es zum Abendessen gibt, fallen genau so wenig in ihren Zuständigkeitsbereich, wie das Übernehmen von echter Verantwortung.

Sie verkaufen Sex mit sich als Gottesgeschenk, dabei fühlt er sich weder nach Intimität noch nach Genuss an, sondern wie das Pflichtprogramm im Fitnessstudio. Bei Gesprächen beanspruchen sie 90 % der Redezeit für sich, Mansplaining-Flatrate inklusive, denn als Frau kann ich unmöglich wissen, wie die Welt, Politik, Finanzen oder Sport funktionieren.

Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen. Und ja, „not all men“, aber eben doch Männer – genug Männer.

Sechs Monate nach der Ü40-Party weiß ich: Nein. Einfach nein. Ich will das alles nicht mehr. Keine Dates, keine Experimente, kein verzweifeltes Erinnerungsüberschreiben. Ich muss nicht beweisen, dass ich noch „im Spiel“ bin. Ich bin jetzt 40. Ich muss gar nichts mehr. Keine Ausreden, keine Lügen, kein Suchen, keine Warterei und keine faulen Kompromisse mehr. Stattdessen investiere ich meine Zeit in die Menschen, die meine Gesellschaft wirklich zu schätzen wissen. Oder – ganz verrückt und herrlich befreiend – in Zeit mit mir selbst.

Und genau während dieser Zeit begreife ich, dass mein Suchen nicht meinem inneren Bedürfnis entspringt, sondern dem Echo meiner Sozialisierung. Dieses Echo flüstert: Dein Leben ist nur dann vollständig, wenn ein Mann es bestätigt. Dieses Echo nervt mich. Es macht mich wütend. Gleichzeitig befreit es mich, weil ich endlich spüre: Mein Leben ist längst voll. Reich, wild, lebendig. Diese Fülle braucht keinen Mann an meiner Seite.

Ich bin nicht die Frau, die „trotzdem glücklich“ ist, sondern die, die „deswegen glücklich“ ist. Noch schwerer als diese Erkenntnis war es allerdings, mir selbst die Erlaubnis zu geben, das Echo nicht länger für die Wahrheit zu halten. Es stattdessen als das zu entlarven, was es ist: eine Stimme, die nicht meine ist. Eine Stimme, der ich nicht mehr folgen will.

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