Willkommen zum Bechdel-Test

Wir sitzen auf dem Sofa, mein Sohn und ich. Popcorn, Decke, Kino-Feeling zu Hause. 2 Stunden 49 Minuten Laufzeit – das sind fast drei Folgen Stranger Things, das ist viermal The Life of a Showgirl hören, das ist die Spanne zwischen „nur Teelichter kaufen“ und „gönn mal noch Hot Dog“ bei IKEA.

Nach 2 Stunden 49 Minuten fällt mir auf, dass es in dem Film keine einzige Szene gab, in der sich zwei Frauen miteinander unterhalten. Und damit meine ich eine Unterhaltung, die den Plot in irgendeiner Weise vorantreibt. Null. Nada. Nichts. Und weil das keine Seltenheit ist, gibt es dazu sogar einen Test: Willkommen zum Bechdel-Test.

Der Bechdel-Test von 1985, benannt nach der Comiczeichnerin Alison Bechdel, ist zwar kein wissenschaftlicher Maßstab, wird aber bis heute genutzt, um die Sichtbarkeit und Rollenklischees weiblicher Figuren in Filmen aufzuzeigen. Bechdel selbst nannte den Test später einen Witz, denn er war nie als ernsthaftes Kriterium gedacht. Tatsächlich ist er so simpel, dass man darüber lachen könnte, wenn es nicht so traurig wäre.

Um den Test zu bestehen, muss ein Film drei einfache Kriterien erfüllen. 1. Gibt es mindestens zwei weibliche Figuren mit Namen? 2. Sprechen diese Frauen miteinander? 3. Geht es in ihrem Gespräch um etwas anderes als einen Mann? That’s it. Kein Nobelpreisniveau. Einfach nur: Reden zwei namentlich genannte Frauen über etwas, das sie selbst betrifft? Erschreckend viele Filme scheitern daran. Auch dieser.

Der Film ist episch, groß, intelligent, aber seine Hauptdarstellerin? Ihre Schlüsselrolle besteht darin, einen Monolog zu halten. Unter Tränen erklärt sie, dass sie Entscheidung XY nach Gefühl trifft, weil Liebe die stärkste Kraft im Universum ist. Liebe natürlich romantisch gemeint. (Dass ich dieser Definition widerspreche, ist eine andere Geschichte, für einen anderen Text.)

Ihr Kollege, der männliche Boss-Charakter, entscheidet sich jedoch gegen ihr Bauchgefühl. Ergebnis: alles geht den Bach runter. Entschuldigt er sich bei ihr? Erkennt er an, dass sie recht hatte? Natürlich nicht. Er stolpert weiter, hat mehr Glück als Verstand, die Handlung rettet ihn. Männer retten die Welt, Frauen liefern den emotionalen Soundtrack. Nach 2 Stunden 49 Minuten bin ich nicht mehr nur genervt – ich bin wütend.

Mein Sohn, 15, versteht mich nicht. Er sieht einen spannenden Film, große Bilder, alles episch. Ich sehe das System dahinter. Wieder und wieder. Und wie erkläre ich das, ohne ihm die Freude zu nehmen? Ohne gleich die ganze Schwere der Welt auf seine Schultern zu legen? Wie erkläre ich, dass es an ihm und den Jungen seiner Generation liegt, diese ganze Gleichberechtigungssache endlich ernst zu nehmen? Wie erkläre ich, dass ich nicht neutral bin, nicht sachlich bleiben kann, dass ich wütend bin?

Ich bin wütend, weil ich eine Frau bin. Damit gehöre ich zu jener Hälfte der Bevölkerung, die viel zu oft übersehen, nicht ernst genommen und (in anderen Ländern) noch immer massiv unterdrückt und kontrolliert wird. Ich gehöre zu der Hälfte, deren Geschichten nicht erzählt und deren Stimmen mit voller Absicht leiser geschrieben werden, damit sie (auch) in Filmen nicht so viel Raum einnehmen.

Ha! War das gerade schon wieder zu feministisch? Feminismus, dieses böse Wort. Und Feministinnen, diese „verbissenen, unrasierten, männerfeindlichen Kampflesben“. Als würde Feminismus bedeuten, Männern etwas wegzunehmen. Dabei heißt es, dass alle gleich viel bekommen. Sichtbarkeit. Chancen. Rechte. Rollen. Selbst im Drehbuch. 

Ich bin zu Recht wütend. Weil mir die meisten Filme ein Frauenbild vorsetzen, das mit meiner Lebensrealität nichts zu tun hat. Frauen als langweilige Nebenfiguren, charakterlose Love Interests, hilflose Opfer, schimpfende Mütter, stereotype Antagonisten.

Natürlich gibt es Filme mit starken Frauenfiguren, aber sie sind die Ausnahme. Und schlimmer noch: Sie werden sofort als  „Frauenfilme“ abgestempelt, als wäre ihre Relevanz automatisch begrenzt. Währenddessen gelten ”die anderen Filme” selbstverständlich für alle. Genau das triggert mich: Ich bin es leid, Geschichten zu sehen, in denen Frauen zur Deko degradiert werden. Und wenn es doch einmal starke Frauenfiguren gibt, landen sie in einer eigenen Schublade, statt einfach Teil der großen Erzählung zu sein.

Mit dem Bechdel-Test im Hinterkopf fällt schnell auf: In Hollywood bestehen ihn vorwiegend Filme, die keine Blockbuster sind – Indie-Perlen, Arthouse-Streifen, Produktionen mit kleinem Budget. Manchmal will ich aber Popcorn-Kino. Millionenbudget, Spezialeffekte, epische Landschaften, unvergessliche Soundtracks. Filme, über die alle reden. Nur eben mit Frauen, die mehr dürfen, als hübsch im Bild zu stehen. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Ich habe es satt, Geschichten zu sehen, in denen ich nicht vorkomme. In denen die Hälfte der Weltbevölkerung als Fußnote existiert. Ich habe es satt, meinem Sohn erklären zu müssen, warum ich schon wieder genervt bin, obwohl der Film doch „einfach nur episch“ war. Ich habe es satt, dass in fast drei Stunden Weltrettung keine Zeit für eine Unterhaltung zwischen zwei Frauen bleibt.

Und während der Abspann über den Bildschirm flimmert und ich die Popcornkrümel von der Decke sammle, spüre ich schmerzlich, wie satt ich es habe, darüber zu diskutieren, ob Feminismus überhaupt noch „nötig“ ist.

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