
Leipzig hat ein neues Stadtlogo. Einen Löwen. Schwarz, mit zwei blauen Streifen im Rücken. Sieht ein bisschen aus wie eine Kindergartenzeichnung, wenn man mich fragt. Mich fragt zwar niemand, aber ich bin Leipzigerin, also denke ich es trotzdem. Sicher hat sich irgendwer auch etwas ganz Tolles dabei gedacht. Gekostet hat das Ganze übrigens rund 700.000 Euro.
Sieben. Hundert. Tausend. Euro.
Ich frage mich, wie das Gespräch im Rathaus wohl abgelaufen ist. So nach dem Motto: „Wir brauchen ein Update. Etwas Modernes. Etwas, das zeigt, dass Leipzig Zukunft hat.“ – „Oh, ich weiß! Ein Löwe mit Streifen!“ – „Brillant. Schreibe es auf die Rechnung.“ Und alle so: Applaus, Applaus.
Es heißt, das neue Logo schaffe „Wiedererkennungswert“. Es sei wichtig, dass die Stadt „sichtbarer“ werde. Ich bin sicher, dass der Mensch im Bürgeramt, der seit drei Stunden darauf wartet, dass seine Nummer endlich aufleuchtet, sich jetzt ganz doll verbunden fühlt. Und wenn der Radweg auf halber Strecke endet und der Bürgersteig aussieht wie ein archäologisches Experiment, dann denken sich alle: „Aber immerhin ist die Typo jetzt barrierearm.“ Denn zum neuen Löwen gab es auch eine neue Schriftart: „Leipzig Sans“. Schön, wenn wenigstens die Buchstaben Fortschritt machen.
Mir würden da trotzdem ein paar Dinge einfallen, die man mit 700.000 Euro in Leipzig stattdessen hätte verändern können. Ein neues Logo, eine neue Website und eine eigene Schriftart wären dabei allerdings nicht auf meiner Liste gelandet. Auch wenn ich keine Leuchte in Mathe bin, drängen sich mir an dieser Stelle ein paar Gedanken über Zahlen auf.
700.000 Euro – dafür könnte man (so Pi mal Daumen):
…ein paar hundert neue Straßenlaternen aufstellen.
Damit Menschen nachts sicherer nach Hause laufen können, ohne das Handy als Taschenlampe, Notrufknopf und Beruhigung herhalten muss. Sicherheit ist halt schwer in Typografie zu messen – aber Lampen, die leuchten, wären schon ein schöner Wiedererkennungswert, oder?
…ein Stück Radweg bauen.
So ungefähr einen Kilometer lang. Klingt erst einmal nicht viel, könnte aber der Unterschied sein zwischen „Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit“ und „Ich nehme doch lieber das Auto, weil mir der letzte Abschnitt das Leben kosten könnte“. Vielleicht hätte der Löwe ja Lust gehabt, den Radfahrer:innen Gesellschaft zu leisten. So als Maskottchen der Verkehrswende.
…mehr Sozialarbeit finanzieren.
Acht bis zehn Vollzeitstellenjahre wären drin. Menschen, die anderen helfen, Formulare zu verstehen, Termine zu schaffen, Hoffnung zu behalten. Aber klar, ein Logo hat natürlich auch Symbolkraft. Nur dass man sich vom Löwen halt nichts erklären lassen kann, wenn man echte Unterstützung braucht.
…ein großes Klimaprojekt im Stadtgebiet anschieben.
700.000 Euro – genug, um Flächen zu entsiegeln, Bäume zu pflanzen und Dächer zu begrünen. Schön anzusehen, noch schöner zu atmen. Sogar der Löwe hätte da einen Platz im Schatten gefunden.
…Schulen ausstatten.
Neue Tafeln, modernes Lehrmaterial, bequemere Stühle, brauchbare Technik. 700.000 Euro reichen nicht für eine komplette Sanierung, aber für ein ordentliches Upgrade im Klassenzimmer. Vielleicht hätte man das Logo an die Tafel malen können, als Erinnerung daran, was Bildung wert ist.
…Kitas erweitern.
700.000 Euro sind nicht genug für einen kompletten Neubau, aber für zusätzliche Räume, Ausstattung, Personal, Außenanlage. Für Kinder, die auf Wartelisten stehen, für Eltern, die jonglieren, und für Erzieher:innen, die längst am Limit laufen.
…Frauenhäuser unterstützen.
Ein Platz kostet rund 20.000 Euro im Jahr. Mit 700.000 Euro hätte man über 30 neue Plätze finanzieren können – Sicherheit, Zuflucht, Perspektive. Doch wir haben uns für Symbolkraft entschieden. Aber was weiß ich schon über Prioritäten.
…Natur in und um Leipzig erhalten.
Ein bisschen Auwald retten, Trinkwasserschutz, Renaturierung, Baumpflege oder Schatten pflanzen. Alles unbezahlbar und trotzdem günstiger als Corporate Design.
…Kultur retten, die immer stiller wird.
Theater, Jugendclubs, Festivals – viele kämpfen ums Überleben. Barrierefreie Zugänge, faire Gagen, offene Bühnen: alles Luxus, wenn man sparen muss. Für das Geld hätte man Jahre überbrücken, Räume offenhalten, Stimmen hörbar machen können. Aber das neue Logo hat ja auch irgendwie „Kunstcharakter“.
…Familien stärken.
Man hätte Familienzentren ausbauen können, Freizeitangebote für Kinder finanzieren, Ferienprojekte oder psychologische Beratung bezuschussen. Das alles kostet weniger, als man denkt. 700.000 Euro sind jedoch unendlich viel, wenn man sie in Nähe statt in Sichtbarkeit investiert.
…etwas gegen Armut tun.
Lebensmittelgutscheine, Energiehilfen, Beratungsstellen mit Zeit und offenen Türen. 700.000 Euro hätten nicht die Welt verändert, aber wenigstens einen Teil davon. Soziale Benachteiligung ist eben schwer zu branden. Da möchte niemand sein Logo drauf setzen.
…alleinerziehende Eltern unterstützen.
Mit dem Geld hätte man Betreuungszuschüsse finanzieren, Beratungsstellen ausbauen oder Notfallhilfen für Alleinerziehende schaffen können. Unterstützung statt Überforderung. Aber gut. Dafür haben wir jetzt ein Logo, das sich bestimmt ganz gut auf den Anträgen machen wird, die nie bewilligt werden.
Ein Logo, das dann auf den Briefen der Stadtverwaltung steht, irgendwo unten in der Ecke. Vielleicht auch auf ein paar Stoffbeuteln beim nächsten Stadtfest. Es ist nicht so, dass man es ständig sieht, aber Hauptsache, es existiert. Denn Design ist natürlich wichtig. Und Wiedererkennbarkeit. Und visuelle Sprache. Ich liebe Ästhetik. Wirklich. Aber wenn es um Investitionen in unsere Stadt geht, dann wäre mir eine Verbesserung, von der alle profitieren können, lieber, als ein neues Löwen-Logo in der E-Mail-Signatur der Stadt.
Aber was weiß ich schon. Sicher wird sich der neue Löwe hervorragend machen. Vielleicht kriegt er noch einen eigenen Slogan: „Unser Leipziger Löwe – powered by 700.000 Euro“.
Und wenn ich demnächst wieder ein halbes Jahr auf die Weiterbewilligung meines Wohngeldantrages warte oder der Bus statt seiner normalen Route eine Sightseeing-Tour durch zahlreiche Baustellen dreht, die ewig nicht fertig werden, dann denke ich einfach dran: Der Löwe wacht über mich. Stilvoll. Modern. Und sehr, sehr teuer.
