Das gute Geschirr und andere Lebensentscheidungen

Ich laufe mit meiner Mama durch den Park. Es ist einer dieser Nachmittage, die eigentlich nichts Besonderes sind – und genau deshalb alles. Die Farben explodieren in allen Schattierungen von Herbst. Wir setzen uns auf eine Bank, schauen auf den Teich. Zwei Enten schwimmen um die Wette. Die Sonne leuchtet golden durch das, was vom Blätterdach noch übrig ist. Mama seufzt: „Es ist so schön hier. Friedlich.“ Ich nicke und frage mich, warum wir so oft überrascht sind, wenn etwas schön ist.

Feiern wir die kleinen Momente überhaupt? Oder bemerken wir sie erst, wenn sie vorbei sind? Ich ertappe mich oft dabei, die Tage zu zählen, aber nicht zu fühlen. Ich laufe, plane, hake ab – und abends im Bett denke ich: Wo ist der Tag hin? Was habe ich heute erlebt? Oder habe ich ihn nur verlebt?

Ich bin dieses Jahr vierzig geworden. Wenn alles gut läuft, habe ich noch vierzig Sommer vor mir. Vierzigmal Eis essen, barfuß laufen, in der Hängematte liegen. Das möchte ich nicht verpassen, während ich auf irgendetwas warte. Denn das habe ich in der Vergangenheit oft getan – gewartet. Auf einen Menschen, ein Ereignis, ein Ziel. Auf später, auf das Wochenende, den nächsten Urlaub, auf das Gefühl, endlich „so weit zu sein“. Ich stand jahrelang an einem Bahngleis, an dem kein Zug kam. Denn das Leben war längst da.

Wie oft bin ich Dingen hinterhergerannt, von denen ich glaubte, sie müssten erst passieren, bevor ich glücklich / zufrieden / „ganz“ sein kann? Wenn ich erst das habe. Wenn ich dort bin. Wenn ich das erreicht habe. Wie viel Leben liegt eigentlich zwischen diesen Wenns? Dabei gibt es keine Ziellinie, nach der das Glück auf mich wartet. Der Weg ist kein Warteraum – er ist das Leben. Und dazu gehört es auch, den Alltag wertzuschätzen und ihn für mich zu verzaubern.

Ein Stück weit mache ich das schon. Ich benutze jeden Tag das „gute Geschirr“ und trinke Wasser aus Weingläsern, auch wenn kein Besuch kommt. Abends wartet eine flauschige Wärmflasche in meinem Bett auf mich, und beim Lesen zünde ich mir gern Kerzen an. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich eingekuschelt auf dem Sofa, im Fernseher prasselt ein Kaminfeuer und in meiner Lieblingstasse dampft frischer Tee.

Gleichzeitig ertappe ich mich dabei, wie ich immer dieselben fünf Outfits trage, während die schönen Sachen im Schrank hängen und auf den „richtigen Anlass“ warten. Meine Haare style ich meist nur, wenn ich das Haus verlasse, und der Schmuck liegt verwaist in einer Schublade. Wenn ich Blumen kaufe, dann immer für andere, und wenn ich allein esse, mache ich mir selten die Mühe, etwas Leckeres zu kochen. 

Es ist absurd, wie tief diese Idee sitzt, dass es Verschwendung wäre, Dinge einfach so zu tun – ohne Grund, ohne Leistung, ohne Zuschauende. Wie oft habe ich gedacht: Nur für mich? Lohnt sich das? Habe ich mir das überhaupt verdient? Als gäbe es vorher etwas zu leisten. Ich meine: Ich lebe. Und manchmal ist das schon Leistung genug. Ich will keinen Anlass brauchen, um mich in meinem eigenen Leben wohlzufühlen. Bin ich nicht Anlass genug?

Wenn man, wie ich, viel zu Hause ist und im Homeoffice arbeitet, verschwimmen die Tage leicht zu einem grauen Etwas zwischen Sofa, Laptop und Geschirrspüler. Dann frage ich mich, ob ich in meinem Leben überhaupt noch vorkomme. Bin ich noch die Hauptdarstellerin? Diejenige, die das Drehbuch schreibt? Oder nur eine Zuschauerin, die darauf wartet, dass die Handlung spannend wird? 

Wenn ich mir morgens etwas anziehe, in dem ich mich schön fühle, auch wenn ich niemanden treffen werde, dann ist das kein oberflächlicher Akt. Es ist eine Erinnerung: Ich bin da. Ich bin es wert, mich zu sehen. Selbst dann, wenn das Publikum nur aus dem Postboten und meiner Kaffeetasse besteht. Denn wenn ich jeden Tag so behandle, als wäre er beliebig und austauschbar, wird er das irgendwann auch. Und ich möchte nicht, dass mein Leben zu einer beliebigen, austauschbaren Masse wird. Ich will, dass es Bedeutung hat, weil ich darin vorkomme.

Ich will mein Leben nicht mehr aufsparen. Ich will es benutzen, ausschöpfen, auskosten. Jeden Tag ein bisschen mehr. Es geht mir nicht darum, alles zu tun, sondern nichts mehr wegzulassen, nichts aufzuschieben, nichts „für später“ aufzuheben. Nicht darauf zu warten, dass „alles passt“. Denn ehrlich: Wann passt schon alles?

Das Leben braucht keinen spektakulären Anlass, um schön zu sein. Schönheit ist meist still. Und Zufriedenheit kein Ereignis, sondern eine Haltung. Daran muss ich mich regelmäßig erinnern. Ich möchte nicht verlernen, zu würdigen, dass ich hier bin. Dass ich lebe. Atme. Geliebt werde. Dass ich diesen Tag, mitten in all den anderen, erleben darf. Unaufgeregt, unspektakulär und dennoch wunderschön. Denn nichts davon ist selbstverständlich.

Ein Gedanke zu „Das gute Geschirr und andere Lebensentscheidungen

  1. Das klingt ganz einfach und wunderbar.Es ist sehr schwer zu begreifen,denn genau DAS ist Leben!!
    Achtsam mit kleinen Dingen sein und gute Gefühle pflegen.Ja und auch wollen.Dei Text ist großartig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert