Das bisschen Care-Arbeit

Manchmal frage ich mich, woran ich zuerst verhungere: am Vakuum im Kühlschrank oder an der Tatsache, dass ich die Einzige bin, die dieses Vakuum überhaupt bemerkt. Ich glaube zu übertreiben, bis ich mich daran erinnere, dass ich heute Morgen kurz vor sieben bereits drei Lebenswelten jongliert habe, bevor ich überhaupt wusste, wie ich heiße.

Ist noch Brot da? Adventskalender. Habe ich den Termin für das Elterngespräch bestätigt? Wäsche waschen. Bis wann müssen die Bücher zurück in die Bibliothek?

Es fängt immer ganz harmlos an. Ich koche mir einen Tee, den ich eigentlich heiß trinken möchte, der dann aber doch kalt wird, weil irgendjemand ein „Mamaaa?“ ruft, das sofortige Handlungskompetenz verlangt. Ein Kind, das etwas sucht – vermutlich einen Lieblingspullover, ein Schulbuch oder die eigene innere Stabilität. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich an einem Tag „Du musst aufstehen, sonst kommst du zu spät“ sagen kann (schätzungsweise 12 Mal). Ein ganz normaler Morgen also.

Geschirrspüler ausräumen. Wann ist der nächste Impftermin? Das Paket muss von der Post abgeholt werden. Was essen wir heute Abend? Hausaufgaben nachkontrollieren.

Ich bin Projektleitung und Feel-Good-Managerin in einem. Alles nebenbei, als würde ich nur Luft holen. Mein Kopf ist ein Browser mit 87 offenen Tabs, den ich nicht schließen kann, weil sonst das System abstürzt. Jeder Tab beinhaltet eine Aufgabe, die nicht zur Erwerbsarbeit oder meinen privaten Interessen gehört, sondern zu dieser unsichtbaren, unbezahlten Care-Maschine, die stets im Hintergrund läuft. Es ist absurd, wie viel Arbeit in all den Dingen steckt, die keiner Arbeit nennt.

Ist noch Obst im Haus? Weihnachtsgeschenke. Das Kind hat seit Tagen Husten, vielleicht doch mal zur Kinderärztin gehen?  Klopapier nachkaufen. Habe ich den Elternbrief unterschrieben?

Und dazwischen arbeite ich auch richtig. Also Erwerbsarbeit. Die Arbeit, die unsere Gesellschaft als die einzig Wahre zählt. Die, für die ich mich rechtfertigen muss, wenn ich nicht genug davon mache. Auf die Frage „Warum arbeitest du eigentlich nicht mehr Stunden?“ möchte ich schreien: Weil ich schon einen Job habe – 24/7! Und dieser gehört zum Fundament unserer Gesellschaft, die so tut, als wäre dieser Job genauso easy wie Zimmerlüften. 

Schulbrote schmieren. Passen die Sportschuhe noch? Der Müll muss dringend runter. Was backen wir für den Kuchenbasar? Schulbücher kaufen. 

Es ist nicht die Wäsche, das Aufräumen, Einkaufen oder Essen machen, was mich auffrisst. Es ist dieses ewige, unendliche Vorausdenken, Nachdenken, Mitdenken, Umdenken. Als wäre mein Gehirn eine Art Familien-Google: ständig online, ständig abrufbar, ständig synchronisiert mit Bedürfnissen, die nicht unbedingt meine sind. Ich schmeiße allein einen mittelgroßen Familienbetrieb. Würde ein Mann diesen Betrieb managen, würde man ihn CEO nennen. Eine Frau bekommt dafür nur ein müdes Lächeln und ein „Das hast du dir doch selbst ausgesucht“ um die Ohren.

Wohin sind die ganzen Socken verschwunden? Duschgel nachkaufen. Bis wann ist die Überweisungsfrist? Der Sportbeutel riecht muffig. Wo ist das Geschenkpapier?

Ja, ich habe mich für meine Kinder entschieden. Aber ich habe mich nicht dafür entschieden, dass Care-Arbeit unsichtbar bleibt und als selbstverständlich gilt. Dass ich jeden Tag eine endlose To-do-Liste abarbeite, während alle so tun, als hätte ich eigentlich frei. Als wäre meine Zeit nichts wert. Trotzdem bin ich eine unbezahlte Arbeitskraft, die alles am Laufen hält.

Handy-Guthaben aufladen. Haben wir für den Feiertag genügend eingekauft? Das Fahrrad hat einen Platten. Was wollen wir in den Ferien machen? Geburtstagsgeschenke.

Ich möchte selbst nicht wahrhaben, wie viel Zeit und Energie das alles frisst, weil mich die Wahrheit unfassbar wütend macht. Immerhin sprechen wir hier nicht von persönlichem Versagen, sondern von einem strukturellen Problem. Wir sprechen von einer Gesellschaft, die absichtlich wegschaut, weil sie ohne kostenlose Care-Arbeit schlicht nicht funktionieren würde. Frauen stopfen Lücken, die der Staat nicht schließt, die Unternehmen nicht mitdenken, die weder Schulen noch Arbeitgeber und häufig auch keine Partner auffangen. Betreuung, Organisation, Pflege, emotionale Stabilisierung – all das, was wirtschaftlich wertvoll ist, aber nichts kosten soll.

Was brauchst du für die Projektwoche? Nachhilfelehrerin bezahlen. Wo sind die ganzen Brotdosen hin? Die Schul-App blinkt schon wieder. Hast du schon deine Zähne geputzt? 

Care-Arbeit wäre eigentlich richtige Arbeit – aber sie wird nicht bezahlt, nicht eingeplant, nicht anerkannt und oft nicht einmal bemerkt. Dabei rennen, jonglieren, denken, planen und sortieren in erster Linie Frauen bis an ihre Grenzen und weit darüber hinaus. Zusätzlich müssen sie sich dafür rechtfertigen, wenn sie erschöpft oder unausgeglichen sind, beruflich kürzertreten oder nicht permanent verfügbar sein wollen.

Lieblingskuscheltier flicken. Sind die Wasserflaschen sauber? Geburtstagsparty organisieren. Wann wurde zuletzt die Bettwäsche gewechselt?  Taschengeld auszahlen.

Ich habe es so satt, mir dieses System schönzureden und so zu tun, als wäre das alles normal, fair, gleichberechtigt. Als wäre das unsichtbare Care-Universum irrelevant. Als wären wir „auf einem guten Weg“. Einen Scheiß sind wir. Wir machen das schon so lange, dass wir diese Vollzeitbelastung für Normalität halten. Es wäre Zeit für … Moment, die Waschmaschine piept.

Wo ist die Zahnspange? Streit schlichten. Wann haben wir zuletzt die Großeltern besucht? Staubsaugerbeutel wechseln. Wann war nochmal Elternabend?

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