
Im Folgenden wird der offizielle Weihnachtsprojektplan für das laufende Jahr bekannt gegeben. Er umfasst traditionell 87 Punkte, von denen nachstehend die wichtigsten erläutert werden, um eine reibungslose Durchführung der hochheiligen Jahresend-Performance sicherzustellen. Bitte halten Sie Zettel und Stift für etwaige Notizen bereit.
Der Projektplan beginnt mit dem Black Friday. Dem längsten Freitag des Jahres. Ein Freitag, der zwei Wochen vorher beginnt, eine Woche danach weiterläuft und sich anschließend nahtlos in „tolle Weihnachtsrabatte“ verwandelt. Dieser heilige Freitag ersetzt inzwischen eine ganze Jahreszeit: Frühling, Sommer, Black Friday, Winter – und darf selbstverständlich auf keinen Fall verpasst werden. Schließlich ist Kaufen die offizielle Sprache der Zuneigung. Damit wird der Black Friday zum offiziellen Kick-off: ein kollektiver Warm-up für liebevolle Konsumentscheidungen.
Im Anschluss folgt das laute Außen, also jene nie endende Mischung aus Reklame, Erwartungshaltung und kollektivem Dezemberbetrieb. Dieses Außen weist pflichtbewusst darauf hin, dass Zuneigung ausschließlich in Form käuflicher Güter ausgedrückt werden kann. Nicht mit Worten, Aufmerksamkeit oder irgendeiner dieser lästigen menschlichen Kompetenzen, sondern mit richtigen Geschenken. Die anerkannte Handlungsempfehlung lautet: „Zeig deine Gefühle, indem du etwas kaufst!“ Denn Liebe ist nur dann echt, wenn sie in Geschenkpapier-Quadratmetern gemessen werden kann.
Weiter geht es mit dem obligatorischen Weihnachtsmarktbesuch zur Stimmungsaktivierung. Wer bisher noch keine Kauflaune entwickelt hat, wird hier zuverlässig reguliert. Der Weihnachtsmarkt ist laut Tradition eine zertifizierte Besinnlichkeits-Simulationsfläche, deren Atmosphäre offiziell als festlich zu interpretieren ist – ungeachtet der tatsächlichen Umstände. Die Teilnahme bewegt sich finanziell zwischen Wellness-Wochenende und dem Erwerb eines kleinen Grundstücks. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.
Es folgt die maximale Taktung sozialer Pflichtkontakte. Der allgegenwärtigen Dringlichkeit, alle bekannten Menschen vor dem Jahresende noch einmal zu treffen, ist unbedingt nachzukommen. Das kollektive Millennial-Trauma besagt, dass es jedes Jahr erneut möglich ist, dass am 01.01. um 00:01 Uhr die Welt explodiert und wir uns dabei in den kosmischen Trümmern verpassen. Wer will schon für so etwas Verantwortung tragen? Sollte jemand beim Abarbeiten dieser Pflichttermine langsam herunterbrennen wie ein menschlicher Adventskranz, wird dies als mangelnde Einsatzbereitschaft gewertet. Jeder Tag stellt schließlich 24 Stunden zur Verfügung.
Nach erfolgreicher Absolvierung der Adventszeit folgt das Fest selbst. Drei Tage Familienpräsenz sind verpflichtend. Dies beinhaltet das standardisierte Repertoire aus Schweigen, Streiten, Verdrängen und passiv-aggressivem Kommentieren. Das ist der offiziell vorgesehene Ablauf. Gegebenenfalls inklusive Fernreisen, um Personen zu besuchen, denen man aus Gründen den Rest des Jahres aus dem Weg gegangen ist. Genau deswegen muss es an Weihnachten unbedingt sein. Es handelt sich hierbei um eine kollektiv akzeptierte Standardprozedur.
Ist die Familie vollständig versammelt, beginnt der kulinarische Pflichtteil. Wer was kocht, bringt, isst, wann, wie viel und in welcher Reihenfolge, unterliegt der offiziellen Festordnung. Diese besagt auch, dass Genuss ausschließlich während der Weihnachtsfeiertage erlaubt ist. An den restlichen 362 Tagen wird in kulinarischer Askese gelebt – mit Ausnahme diverser weiterer Feiertage, deren genaue Zahl flexibel ausgelegt werden kann. Details stören hier nur den Ablauf.
Es schließt sich der Unterpunkt Süßigkeitenpflicht an. Der Konsum erheblicher Kalorienlandschaften – bestehend aus Lebkuchen, Marzipan, Spekulatius, Dominosteinen, Plätzchen und vergleichbaren Einheiten – ist traditionsbedingt unvermeidbar. Parallel dazu wird laut Vorgabe bei jedem Verzehr folgendes Mantra gesprochen: „Nur ein kleiner Schoko-Weihnachtsmann… im Januar bin ich wieder die beste Version meiner selbst!“ Völlerei im Dezember, gefolgt von kollektiven guten Vorsätzen im Januar, entspricht dem traditionell korrekten Ablauf. Der Januar ist zudem der einzige Monat, in dem sportliche Betätigung beginnen darf. Die anderen elf Monate sind dafür gänzlich ungeeignet.
Nach Abschluss des Festes startet die Umtauschphase. Hier ist zwingend darauf zu achten, unerwünschte Geschenke möglichst unauffällig zurückzugeben, um die Illusion des gelungenen Austauschs zu wahren. Alternativ können bereits vorab Wünsche geäußert werden – dann ist zwar eine Überraschung ausgeschlossen, jedoch bleibt das Ergebnis identisch: Am Ende der Bescherung gelten alle Beteiligten gemäß Projektplan entweder als berechenbar oder enttäuscht. Dieser Ablauf gewährleistet die erforderliche Prozessstabilität.
Damit wären die wichtigsten Punkte des Projektplans erläutert. Die restlichen Projektpunkte müssen eigenständig erarbeitet werden. Eigenverantwortung ist schließlich ein wichtiger Bestandteil jeder erfolgreichen Jahresend-Performance. Ich vertraue darauf, dass alle wissen, was zu tun ist, um Abläufe korrekt einzuhalten und Traditionen ordnungsgemäß fortzuführen.
Abweichungen vom festgelegten Plan sind theoretisch möglich, aber ausdrücklich nicht zu empfehlen. Die Konsequenzen gelten als unvereinbar mit den Richtlinien zur Aufrechterhaltung einer ordnungsgemäß angespannten Weihnachtszeit – insbesondere in Bezug auf rabattbezogene Kontrollpflicht, soziale Präsenzstandards sowie die normgerechte Abbildung von Zuneigung in konsumgestützten Formaten. Von derartigen Regelverstößen ist daher im Sinne aller Beteiligten dringend abzuraten.
