Tag 11 – Die Kunst der Absichtslosigkeit

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal etwas getan habe, das nicht nach außen wollte. Etwas, das einfach da sein durfte, ohne Nutzen, ohne Publikum, ohne dass am Ende etwas vorzeigbares entsteht. Wann habe ich zuletzt etwas getan, das keine Berechtigung brauchte, keine Begründung hatte, keinen Zweck erfüllen musste? Ich komme nicht weit. Ein paar verschwommene Momente vielleicht, aber sie fühlen sich an wie alte Fotos, deren Farben langsam verblasst sind.

Dabei mag ich Dinge, die mit den Händen entstehen. Ich verliere mich gern in Tätigkeiten, die in ihrer Einfachheit fast lächerlich wirken. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich jede dieser Handlungen in ein kleines Projekt verwandle. Ich denke nicht: Ich habe Lust auf einen Kuchen. Ich denke: Ich bekomme Besuch, dafür könnte ich einen Kuchen backen. Als müsste der Kuchen dafür bürgen, dass meine Zeit gut investiert war. Als wäre das Bedürfnis allein kein ausreichender Grund. Sobald es jedoch für jemand anderen ist, erhält mein Müßiggang plötzlich eine Daseinsberechtigung. Nichts darf einfach existieren. Alles braucht eine Rechtfertigung.

Absichtslosigkeit – dieses Wort stolpert noch ein bisschen in mir, als sei es zu weich für eine Welt, die ständig nach Ergebnissen fragt. Denn in einer Welt, in der jede Tätigkeit sofort zu einer Challenge wird, ist Absichtslosigkeit fast schon ein Skandal. Heute braucht alles ein Ziel. Und wenn es keines gibt, erfinden wir eben eines: Dreißig Tage Sport. Zehntausend Schritte. Fünfhunderttausend Wörter in einem Monat. Zehn Minuten Meditation am Morgen. Und bitte alles sorgfältig tracken, sonst zählt es nicht.

Absichtslosigkeit passt da nicht rein. Sie entzieht sich jeder Messung. Sie hat keinen Fortschritt, keine Grafik, keine Steigerungskurve, nichts, das sich zählen oder verkaufen ließe. Und vielleicht wirkt sie genau deshalb wie ein Gegenzauber. Nicht gegen die Hektik selbst, sondern gegen die Logik dahinter: dass alles effizienter werden muss, messbarer, sichtbarer, auf irgendeine Weise monetarisier- oder optimierbar. Dagegen, dass mein Leben erst real ist, wenn ich es irgendwo abbilden oder in eine Statistik quetschen kann.

Stattdessen führt absichtsloses Tun dazu, dass ich mich gut fühle. Dass ich mein Leben zelebriere. Dass etwas in mir einen stillen Ruf hört und ihm folgt, ohne zu fragen, ob es sich lohnt. Absichtslosigkeit ist ein unscheinbarer Akt der Verweigerung. Eine Mini-Rebellion gegen den Kapitalismus, der mir selbst meinen Müßiggang abkaufen will. Wenn ich etwas tue, nur um es zu tun, entziehe ich mich für einen Moment diesem System.

Gleichzeitig irritiert es mich, wie schwer mir das fällt. Denn ich brauche ein Ziel. Ein A, das zu einem B führt. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch weiß, wie man einfach beginnt, ohne abzuwägen, ob sich der Aufwand lohnt. Deshalb ist Absichtslosigkeit so herausfordernd. Weil sie nichts zurückgibt, außer sich selbst. Weil sie nicht messbar ist. Keinem System nutzt. Weil sie nicht einmal mir nutzen muss. Eine Art stiller Störimpuls in einer Welt, die mich daran gewöhnt hat, mich selbst als Ressource zu betrachten. Ein Auflehnen gegen Erwartungen, gegen Effizienz, gegen dieses diffuse Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Absichtslosigkeit ist eine Form von Ungehorsam, die niemandem dient, nicht einmal meiner eigenen Optimierung – und das zieht mich magisch an.

Lesen, weil die Welt für einen Moment verschwimmen darf. Gestalten, weil meine Hände einem Plan folgen, den ich noch nicht kenne. Gartenarbeit, weil die Erde ein Gespräch anbietet, das ich mit niemandem sonst führen kann. Das schöne Kleid anziehen, weil Wohlgefühl keinen Anlass braucht. Zeichnen, weil Dinge manchmal aus meinem Kopf aufs Papier fallen wollen. Kochen, nicht um zu beeindrucken, sondern meinen eigenen Hunger fürsorglich zu stillen. Worte aufschreiben, die später niemand lesen muss. Spazieren, um mich von kleinen Abenteuern finden zu lassen.

Aber es erfordert Übung. Ich übe noch. Ich übe, einen Stift in die Hand zu nehmen, ohne daraus Kunst machen zu wollen. Ich übe, Farben zu mischen, ohne zu überlegen, ob das Ergebnis „schön genug“ ist. Ich übe, Teig zu kneten, ohne daran zu denken, wer ihn später essen wird. Ich übe, Worte zu schreiben, denen keine Veröffentlichung folgen muss. Ich übe, zu laufen, um der Bewegung willen. Ich übe, mich auszuhalten, wenn ich nichts vorzuweisen habe außer gelebter Zeit. Ich übe, mich nicht für mein eigenes Dasein zu rechtfertigen.

Manchmal gelingt es. Für ein paar Minuten vielleicht. Für die Dauer eines unvollendeten Bastelprojektes oder eines Kuchenteigs, den ich mit niemandem teilen werde. Für die Länge eines Weges, den meine Beine statt meines Kopfes gewählt haben. Beim Abtauchen in eine Geschichte. In solchen Momenten wird etwas in mir leiser, während alles um mich herum brüllt. Dann fühlt es sich an, als ob genau dort ein kleiner Riss entsteht. Ein feiner, widerspenstiger Spalt, durch den wieder etwas Eigenes hindurchkommen kann.

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