Tag 18 – Energetischer Minimalismus

Ich liege im Bett. Draußen ist es noch dunkel. Diese stille Dunkelheit, kurz bevor der Morgen anbricht. Auf meinem Nachttisch brennt eine einzelne Kerze, deren Licht warm flackert. Ich rolle mich tiefer in die Decke. Es ist der 18.12. Ich habe nichts geschmückt, nichts geplant, keine Geschenke gekauft. Trotzdem fühle ich mich erschöpft. Und natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen.

Der Dezember außerhalb meines Bettes fühlt sich an wie ein Dauerlauf. Eine Abfolge von Terminen, Aufgaben, Einladungen und To-do-Listen, die einander überholen wollen. Besinnlichkeit als Programmpunkt. Ich merke, wie mich das ermüdet. Nicht dieses gemütliche „Ich war heute viel an der frischen Luft“-Müde. Sondern diese innere Erschöpfung, die sofort ein schlechtes Gewissen nach sich zieht. Als wäre meine Müdigkeit ein persönliches Versäumnis. Als müsste ich mich nur mehr anstrengen, um endlich in Weihnachtsstimmung zu kommen.

Nennen wir es nicht Weihnachten, das Fest der Liebe und Besinnlichkeit? Dabei bedeutet Besinnlichkeit doch eigentlich, einen Gang herunterzuschalten. In sich hineinzuhören. Bei sich zu bleiben. Aber der Dezember, den wir erschaffen haben, ist ein Hochleistungsmonat mit Glühwein-Flatrate. Ein Endspurt im Lametta-Kostüm.

Am Horizont erahne ich einen ersten, vorsichtigen Lichtschimmer und ich frage mich, wann wir beschlossen haben, dass ausgerechnet der dunkelste Monat des Jahres unser sozialster, produktivster und lautester sein muss. Der Monat der Wintersonnenwende. Der Monat mit den längsten Nächten und den kürzesten Tagen.

Denn hier ist, was gerade in der Natur passiert: Die Sonne steht so tief wie nie. Die Nächte sind länger als die Tage. Dunkelheit dominiert. Bäume ziehen ihren Saft zurück in die Wurzeln. Tiere ziehen sich zurück und halten Winterschlaf. Samen liegen reglos im gefrorenen Boden und warten. So sieht Überleben im Winter aus. Niemand versucht, jetzt noch zu wachsen. Niemand optimiert. Das ist kein Stillstand, das ist energetischer Minimalismus. Rückzug als Strategie.

Und wir? Wir drehen alles lauter.

Ausgerechnet jetzt soll ich besonders sozial sein. Großzügig, fröhlich, verfügbar. Soll feiern, schenken, organisieren, leisten und Freude performen. Als hätte jemand beschlossen, den natürlichen Rhythmus nicht nur zu ignorieren, sondern aktiv zu übertönen. Kein Wunder, dass ich erschöpft bin. Kein Wunder, dass so viele von uns durch diesen Monat stolpern. Äußerlich glitzernd, aber innerlich auf Sparflamme.

Früher war diese Zeit des Jahres eine andere. Es ging um Rückschau. Ums Innehalten. Darum, das vergangene Jahr zu betrachten, bevor ein neues beginnt. Man formulierte Wünsche und Träume als Möglichkeiten für kommende Monate. Nicht draußen mit viel Tamtam, sondern innen mit Bedächtigkeit. Besinnlichkeit bedeutete Rückzug, nicht Dauerbeschallung.

Heute hetzen wir von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt, von Party zu Party, von Kaufhaus zu Kaufhaus. Alles wird beschleunigt, verdichtet, abgearbeitet. Als müsste Weihnachten im Außen bewiesen werden. Als wäre Besinnlichkeit etwas, das passiert, wenn die Lichter hell genug sind und der Postbote uns beim Vornamen kennt. Eine Landebahnbeleuchtung für den Schlitten eines bärtigen Mannes, während wir selbst kaum noch den Boden unter unseren Füßen spüren.

Ich liege noch immer hier, eingekuschelt bei Kerzenschein, und merke, wie sehr mir dieser andere Rhythmus fehlt. Wie stimmig es sich anfühlt, nichts zu wollen, außer zu sein. Mich zu erinnern. Mich zu fragen, was war. Und was vielleicht kommen möchte.

Der Dezember ist die Zeit, um darüber nachzudenken, was im nächsten Jahr verwirklicht werden will. Nicht im Sinne von Ich will oder Ich wünsche mir. Sondern eher als Ich bin und Ich habe. Gedanken, die so klar sind, als wartete das, was kommen will, bereits da draußen auf mich. Gedanken, die ich für das nächste Jahr in meinem Kopf pflanze, wie Samen. Keine Wünsche für andere, sondern Samen meines eigenen Werdens. Ich pflanze sie still. Ohne Publikum. Zuversichtlich. Wie man eine Zwiebel in die Erde setzt, gebe ich ihnen Dunkelheit, Ruhe, Geduld. Ich werde später ernten, was ich gesät habe.

Mein Widerstand gegen Weihnachtsambitionen ist also keine Verweigerung. Er ist ein Instinkt. Mein Nichts-Schaffen-Wollen ist kein Mangel, sondern ein Zeichen dafür, dass etwas in mir gerade nach unten wächst statt nach außen. Wurzeln statt Wunschlisten. Der dunkle Teil des Jahres ist keine Leerstelle, die mit Lautstärke und grellem Licht gefüllt werden muss. Er ist Pflanzzeit. Nicht draußen im Garten. Drinnen, tief in mir.

Mein Körper versucht, mir etwas zu sagen, das die Natur längst vormacht. Meine Erschöpfung ist keine Fehlfunktion, sie ist Information. Mein Rückzug ist kein Scheitern, es ist der Übergang von letzter Euphorie zur Reduktion auf das Wesentliche. Der Moment, in dem man nicht noch höher klettert, sondern Schutz sucht.

Seit ich einen Weg aus meiner inneren Dunkelheit gefunden habe, fürchte ich mich nicht mehr vor der Dunkelheit im Außen. Ich bin achtsamer mit mir geworden, feinfühliger. Ich bin dabei, mich wieder mit meiner ursprünglichen Seite zu verbinden. Ich lerne von Neuem, auf die Signale meines Körpers zu hören und ihre Botschaften ernst zu nehmen, anstatt dauerhaft über meine Grenzen hinauszugehen. 

Es ist nichts falsch daran, früher ins Bett zu gehen oder allein sein zu wollen. Das Tempo zu reduzieren und sich nach Stille zu sehnen. Ich erinnere mich daran, dass ich Teil der Natur bin. Ich stehe nicht über ihr und existiere nicht außerhalb von ihr. Deshalb ist es nur folgerichtig, auch ihrem Rhythmus zu folgen. Ich werde nicht langsamer, weil ich unproduktiv bin, sondern weil ich mit dem arbeite, was gerade ist.

Das schlechte Gewissen sitzt trotzdem an der Bettkante. Gestriegelt, geschniegelt und sehr überzeugt von sich. Es fragt, ob das nicht alles eine bequeme Ausrede sei. Ich lasse es reden. Draußen wird es langsam heller. Ich denke daran, dass die längste Nacht des Jahres bald vorbei ist. Und dass nichts davon schneller geht, dass wir dagegen anarbeiten.

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