(M)Ein Buch auf Zeit

Ende Januar 2025 habe ich mein erstes Buch veröffentlicht. Ein Satz, der sich nach wie vor ein bisschen unwirklich anfühlt. Ein Zustand, irgendwo zwischen Stolz und Ungläubigkeit. Ein immer wiederkehrendes leises Staunen darüber, dass etwas, das so lange nur in meinem Kopf existiert hat, plötzlich real geworden ist.

Jetzt, Anfang Januar 2026, war das Erste, was ich tun musste, genau dieses Buch vom Markt zu nehmen. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist leider wahr. Nicht, weil ich mein Buch plötzlich nicht mehr mag oder mich davon distanzieren möchte, sondern weil sich der Kontext verändert hat. Und mit ihm mein Verhältnis zu dem Ort, an dem dieses Buch existiert. Aber der Reihe nach.

Ich habe mein Debüt über eine Selfpublishing-Plattform veröffentlicht. Eine dieser Plattformen, die angetreten ist, um Stimmen und Geschichten sichtbar zu machen. Inzwischen präsentiert sich dieselbe Plattform stolz mit einer neuen KI-Anwendung. Eine, die es ermöglicht, aus Themen, Notizen, Audios oder Textfragmenten innerhalb kurzer Zeit ein druckfertiges Buch zu erstellen. Der Mensch liefert das Material, die KI übernimmt den Rest. 

Ich lese diese Neuigkeiten und merke, wie sich alles in mir sträubt. Ein Prozess, der für mich immer Reibung war, soll mir nun als effizienter Workflow verkauft werden. Als wäre genau diese Reibung ein Fehler im System, der endlich vermeidbar ist.

Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht effizient. Ich schreibe mich hinein. Ich schreibe mit Umwegen, mit Zweifeln, mit Sätzen, die sich anfangs weigern, Sinn zu ergeben. Ich stolpere über Wörter, feile an Formulierungen, bleibe an Nebensächlichkeiten hängen, die sich später als Kern entpuppen. Schreiben ist für mich kein Output, sondern ein Prozess, der Zeit frisst, Energie bindet und mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.

Schreiben ist für mich kein Übersetzen von Gedanken in Text, sondern ein langsames Herausarbeiten dessen, was ich selbst noch nicht ganz verstanden habe. Und genau das passiert nicht, wenn eine Maschine aus meinem Input einen fertigen Text formt. Meine Langsamkeit, mein Ringen, meine Verletzlichkeit sind keine Makel, die es zu beheben gilt. Sie sind der Kern meines Schreibens. Und all das soll jetzt automatisiert werden?

Die Idee, dass ein Buch etwas ist, das man sich in ein paar Stunden generieren lassen kann, trifft mich deshalb nicht nur als Autorin, sondern auch als Mensch. Sie erzählt eine Geschichte darüber, was wir bereit sind, zu entwerten, damit etwas schneller, billiger und damit marktfähiger wird. Als wäre das Schreiben selbst nur ein lästiger Zwischenschritt, den wir nun endlich abschaffen können.

Ich denke an die Zeit, die es braucht, um eigene Erfahrungen überhaupt zu verstehen, geschweige denn, sie in verständliche Worte zu transformieren. An Romane, in denen Charaktere und ganze Welten erst erdacht werden müssen, bevor der erste Satz überhaupt Sinn ergibt.

Das Problem ist nicht der Einsatz von KI. Für Recherche, zur Ordnung von Gedanken oder zu Korrekturzwecken – alles fein. Das Problem ist der Moment, in dem das Schreiben selbst ausgelagert wird. In dem Sprache nicht mehr erarbeitet, sondern produziert wird. Es geht um dieses stille Versprechen, dass alles besser wird, wenn es schneller geht. Dass Tiefe verzichtbar ist, solange das Ergebnis stimmt. Höher, schneller, weiter.

Deshalb habe ich mein Buch von der Plattform und damit auch aus dem Buchhandel genommen. Als Statement, als Protest, als Grenze. In ein paar Tagen wird das Buch nur noch über meine Website erhältlich sein, solange der Restbestand reicht. Ein Schritt, der weh tut. Schon wieder einer, bei dem Haltung nicht nur ein schönes Wort ist, sondern eine Entscheidung mit Konsequenzen. Er kostet mich Sichtbarkeit, Reichweite, Chancen. Aber er fühlt sich notwendig an. Ich möchte nicht Teil eines Systems sein, das den Buchmarkt mit KI-generierten Texten flutet, deren größte Qualität ihre Geschwindigkeit ist.

Gleichzeitig sitze ich hier und weiß, wie widersprüchlich meine Position ist. Im vergangenen Jahr habe ich 45 Texte veröffentlicht, fast jede Woche einen. Ich liebe dieses Schreiben, ich gebe alles hinein, und doch kann ich davon nicht leben. Noch nicht. Ich schreibe, ich teile, ich öffne mich und lande immer wieder bei derselben unbequemen Frage: Wie geht das zusammen – Haltung und Existenz, Leidenschaft und Rechnung – in einem System, das immer weniger Platz für Menschlichkeit lässt?

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