
Ich glaube, mein Körper ist kaputt.
Ich liege im Bett und alles an mir fühlt sich schwer an. Kein gemütliches Snoozen, kein noch einmal Umdrehen, kein „nur-noch-fünf-Minuten“-schwer. Sondern schwer wie Blei. In meinen Gliedern, in der Brust, irgendwo zwischen Wirbelsäule und Willen. Als hätte sich über Nacht die Schwerkraft in meinem Schlafzimmer verdoppelt. Ich liege da und weiß: Rein technisch könnte ich mich bewegen. Aber praktisch bin ich wie festgeschraubt.
Vielleicht bin ich auch magnetisch. Vielleicht bin ich eine Hälfte eines Magneten und mein Bett die andere. Mit einer Anziehungskraft, die mit bloßer Willenskraft kaum auseinanderzukriegen ist. Newton hätte seine Freude daran. Ich weniger.
In meinem Kopf läuft eine Maxi-CD. Ein einziger Song in fünf Remixen, die keiner braucht. Nichts als Variationen desselben Gedankens: Steh auf. Du musst aufstehen. Komm, steh auf. Jetzt. Zur Hölle, steh endlich auf.
Der Ton kratzt. Die Melodie nervt. Und während der Song in Dauerschleife läuft, vergehen die Minuten. Zehn-Minuten-Blöcke. Viertelstunden. Halbe Stunden. Stunden. Ich habe mich keinen Millimeter bewegt. Als wäre Zeit etwas, das um mich herum passiert und nichts mit mir zu tun hat.
Ich denke darüber nach, wie man eigentlich aufsteht. Als hätte ich das noch nie gemacht. Man rutscht näher an die Bettkante. Dann schwingt man die Beine raus. Stellt die Füße auf den Boden. Verlagert das Gewicht und drückt sich hoch. Ein ganz normaler Bewegungsablauf. Millionen Menschen machen das jeden Morgen. Vermutlich ohne groß darüber nachzudenken.
Aber ich schaffe es nicht einmal, die Decke zurückzuschlagen. Sie ist schwer wie ein Sack Zement auf Kuschelkurs. Zudem hat mein Körper offensichtlich beschlossen, heute nicht zu kooperieren. Eine fristlose Kündigung könnte man sagen.
Kurz überlege ich, wen ich anrufen könnte. Wem ich sagen könnte: Ich kann heute nicht. Ich weiß nicht, was los ist. Ich weiß nicht, wie ich das lösen soll. Aber es gibt keinen triftigen Grund. Kein Drama. Kein konkretes Ereignis. Nur dieses diffuse „Alles“. Die Gesamtsituation. Dieses unerbittliche Etwas namens Alltag. Viele kleine Aufgaben. Jede für sich gänzlich unspektakulär. Doch zusammen türmen sie sich vor mir auf wie der Schicksalsberg. Ich muss zwar keinen Ring ins Feuer werfen, aber es fühlt sich ähnlich anspruchsvoll an.
Was genau sollte ich auch sagen? Dass ich noch im Bett liege? Dass ich es nicht mal bis zur Bettkante geschafft habe? Dass meine Freundinnen längst geduscht, angezogen und mit einem Kaffee in der Hand, im Büro vor ihren geöffneten Laptops sitzen, während ich hier liege und über das Aufstehen nachdenke, als wäre es eine olympische Disziplin?
Wie soll ich das erklären, ohne mich dabei komplett lächerlich zu machen? Wie sagt man: Ich kann heute nicht, weil ich einfach nicht kann. Ich bin nicht krank genug, um liegenzubleiben. Die Situation ist nicht dramatisch genug für Mitgefühl. Ich bin irgendwie zu funktional, um ernst genommen zu werden, und zu dysfunktional, um mithalten zu können. Nein, so tief kann nicht mal ich sinken, denke ich, also rufe ich niemanden an.
Ich weiß, dass ich dieses Bett schon unzählige Male verlassen habe. Auch an schlechten Tagen. Auch an schlimmeren. Ich weiß, dass meine Willenskraft existiert. Theoretisch. Aber heute scheint selbst sie sich unter die Bettdecke verzogen zu haben. Vielleicht magnetisch vereint mit meiner Antriebslosigkeit.
„Mein Wille geschehe“, denke ich. Und wackle dabei leicht mit den Zehen, als wäre das alles, was es braucht, damit mein Körper endlich wieder anspringt. Es passiert nichts. Manche Szenen funktionieren eben nur im Film.
Trotzdem weiß ich, dass der Tag Dinge bereithält, die erledigt werden wollen. Ich weiß auch, ich könnte mir erlauben, heute nur schöne Dinge zu tun. Nur um überhaupt endlich mein Bett zu verlassen. Aber ich weiß auch: Alles, was ich heute nicht erledige, wartet morgen auf mich. Oder übermorgen. Oder an einem anderen Tag, der definitiv kommen wird. Und so stapeln sich Aufgaben nicht nur auf To-do-Listen, sondern auch irgendwo zwischen präfrontalem Anspruch und limbischer Überforderung.
Während ich im Bett liege, überlege ich, welche Botschaft ich meinem Gehirn schicken müsste, damit es meinem Körper endlich mitteilt, dass es jetzt wirklich Zeit wäre, aufzustehen. Ich liege inzwischen so lange hier, dass es schon lächerlich ist. Und genau dieses Wissen macht es nicht besser, sondern schlimmer. Ich weiß nicht, wie ich diese Situation auflösen soll.
Kann sich Willenskraft abnutzen? Verliert sie an Intensität, je öfter man sie benutzt? Oder ist sie kein Muskel, sondern ein Generator, der eines Tages einfach den Geist aufgibt, weil er zu oft einspringen musste, ohne je richtig aufgeladen zu werden?
Ich will doch nichts Großes. Keine Erleuchtung. Keine Lösung fürs Leben. Ich will einfach nur dieses verdammte Bett verlassen. Aber je länger ich hier liege, desto unmöglicher fühlt sich genau das an.

Ruf bitte an, wenn du Unterstüzung brauchst!