
Ich weiß noch, wie wenig ich daran geglaubt habe. An mich und diesen Plan „jede Woche ein Text“. Das klang ungefähr so realistisch wie „ab jetzt nur noch vernünftige Entscheidungen“. Es war kein feierlicher Entschluss, eher ein vorsichtiges Kopfnicken in Richtung Zukunft. Ich probiere das mal. Regelmäßig schreiben. Regelmäßig veröffentlichen. Einen Text pro Woche. Ein Vorsatz, bei dem ich innerlich schon den Platz freigeräumt hatte, um ihn später unauffällig zu beerdigen.
Und jetzt sitze ich hier, ein Jahr später, und habe neunundvierzig Texte geschrieben. Neunundvierzig. Ich habe nachgezählt, weil ich dem Ganzen nicht traue. Und weil mein Kopf gern behauptet, das sei alles nur eine Phase. Ein Versehen. Neunundvierzig klingt allerdings nicht wie etwas, das versehentlich passiert.
Neunundvierzig Mal innehalten vor einem leeren Dokument: Was ist da gerade in mir? Was davon möchte raus? Und wie sage ich es, ohne mich zu verstecken – aber auch ohne mich zu verbiegen, nur weil ich gern hätte, dass es gut klingt?
Meine Texte waren nie nur Gedanken. Sie waren immer auch Haut. Ein bisschen wie ein langsamer, ungeschminkter Striptease im Internet: Ich schreibe – und am nächsten Tag geht es online. Gefühle, Zweifel, Alltagsreste, große Fragen in kleinen Momenten. Ohne Netz. Ohne doppelten Boden. Manchmal ist das ganz angenehm: schreiben, loslassen, weitermachen. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich mir selbst beim Mutigsein zuschauen und hoffen, dass niemand merkt, wie sehr mir dabei die Knie schlottern.
Nach einem Jahr könnte man denken, ich wüsste, was ich tue. Ich wünschte, es wäre so. Aber immerhin: Der Weg zum Punkt ist kürzer geworden. Ich spüre schneller, worum es mir geht und wie ich darüber schreiben möchte. Und ich schreibe tatsächlich regelmäßig – was immer noch ein kleines Wunder ist, wenn man bedenkt, wie lange ich schon sehr überzeugend davon rede, ein zweites Buch zu schreiben, ohne bisher auch nur eine Seite dafür geschrieben zu haben.
Aber diese Regelmäßigkeit hat auch Nebenwirkungen. Es gab Texte, in die ich alles gelegt habe und dann passierte … wenig. Kaum Echo. Kaum Rückmeldung. Nur dieses unangenehme Gefühl, etwas in einen Raum gestellt zu haben, der größer und kälter ist, als ich dachte. Meine Schaffenskrisen wohnen genau dort. In der Schnittmenge aus viel Hingabe und wenig Resonanz.
Ich weiß: Resonanz ist Bonus, nicht Beweis. Ich habe mir diesen Satz als Erinnerung an meinen Bildschirm geklebt. Dennoch brauche ich genau diesen Bonus manchmal. Denn es macht einen Unterschied, ob ich spreche und nur meinen eigenen Atem höre, oder ob von irgendwo ein kleines Geräusch zurückkommt. Ein Like. Ein Satz. Ein Zeichen von Leben.
Ich weiß nie, was meine Worte draußen tun. Ob sie irgendwo hängen bleiben, einen Gedanken verschieben, jemanden berühren, Mut machen, nachhallen – oder einfach verschwinden. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, mein innerer Kompass hat einen Wackelkontakt. Texte, die ich für besonders gelungen halte, erzeugen dann gar kein Echo. Und die, die ich als „okay, solide“ abhake, gehen plötzlich auf Reisen und finden Wege in andere Leben. Als hätte ich einen Laden eröffnet und keine Ahnung, was die Leute hier eigentlich kaufen.
Trotzdem frage ich mich seit einem Jahr regelmäßig: Was beschäftigt mich wirklich? Was davon will ich teilen? Was habe ich der Welt zu sagen – und welchen Mehrwert könnte jemand anderes daraus ziehen? An manchen Tagen fühlt sich das zu groß an. Als wäre da eine Verantwortung, die ich mir selbst ausgedacht habe und die trotzdem schwer auf den Schultern liegt. An anderen Tagen fühlt es sich unbedeutend an. Wer bin ich, dass ich glaube, etwas verändern zu können?
In letzter Zeit habe ich oft darüber nachgedacht, mit den wöchentlichen Veröffentlichungen aufzuhören. Es gibt diese Müdigkeit in mir, diese sehr überzeugende Versuchung, mich der wöchentlichen Verantwortung zu entziehen. Ich bin müde davon, mich jede Woche neu in der Welt zu positionieren, einen Text abzuliefern, ein Stück von mir zu geben. Mein innerer Widerstand ist dabei erstaunlich gut organisiert.
Ergibt das Sinn?, frage ich mich. Wer braucht das?, fragt der Teil in mir, der immer dann besonders laut wird, wenn es draußen sehr still bleibt. Irgendwo dazwischen sitzt die Wahrheit und tut so, als wäre sie schwer zu kriegen: Ich brauche das. Dieses Hinsehen. Dieses Sortieren. Dieses Formulieren. Dieses Auseinandernehmen. Dieses „Ich halte das jetzt fest, bevor ich es wieder vergesse“.
Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass mein Schreiben mehr ist als etwas, das nur in mir stattfindet. Dass meine Worte vielleicht etwas verändern, auch wenn ich es nicht belegen kann. Dass irgendwo jemand etwas von mir liest und sich dadurch besser fühlt. Leichter. Gesehen. Verstanden. Weniger allein. Ein hochgestecktes Ziel, ich weiß, aber alle träumen auf ihre Weise davon, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Und ich träume mit sehr vielen Worten.
Offen gesagt habe ich auch Angst vor der Stille danach. Vor dem „Ich schreibe, wenn ich Zeit dafür habe“. Eine wunderbare Umschreibung für „wahrscheinlich nie“. Ohne Deadline komme ich selten in Fahrt. Ich brauche diesen Druck. Er ist wie eine Verabredung im Kalender, die ich nicht absagen kann, nur weil es draußen regnet oder meine Laune lieber im Bett liegen bleiben würde.
Für den Moment bleibt diese Spannung erhalten. Zwischen Müdigkeit und Verantwortung. Zwischen „Ich will mich rausnehmen“ und „Ich will das nicht verlieren“. Zwischen dem Wunsch nach Stille und der Angst vor genau dieser Stille. Was daraus entsteht, wird sich zeigen.
