Ist das schon die Midlife Crisis?

Ich stapfe durch den Winterwald. Über mir hämmert ein Specht, als hätte er einen sehr konkreten Plan abzuarbeiten, und ich habe… Fragen. Ich bin gerade 41 geworden. Frische 41. Also so frisch, wie man mit 41 sein kann: mit leichtem Knacken beim Aufstehen und dieser neuen Fähigkeit, Geburtstage nicht mehr als Big Party, sondern als Zwischenbilanz zu begreifen. Wenn alles gut läuft (und warum sollte es nicht?) habe ich etwa die Hälfte meines Lebens hinter mir. Die andere Hälfte liegt noch vor mir. Ein weißes Blatt, das ich so vollkritzeln darf, wie ich will: bunt, wild und nach meinen eigenen Regeln.

Letztes Jahr, zu meinem 40sten, war ich sehr überzeugt von mir. Club der Weisen. Endlich nichts mehr beweisen müssen. Hoch die Gläser, jetzt geht es erst richtig los. Ich meinte das ernst. Ich meine es noch immer ernst. Und trotzdem stehe ich hier und sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ist das schon diese Midlife Crisis, von der nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird?

Also: Wo stehe ich? Abgesehen von einem gefrorenen Waldweg, auf dem meine Schuhe das einzige Geräusch neben dem Specht machen. Wo stehe ich im Leben? Diese Frage kommt gern mit Pathos. Manchmal auch mit dramatischer Musik. Manchmal mit der Stimme eines Erzählers, der klingt wie aus einem Trailer: „In einer Welt, in der sie alles haben könnte…“ Cut. Ich hasse Trailer. Sie versprechen immer den besten Film, liefern die witzigsten Szenen und spoilern die Hälfte der Handlung.  Es folgen 120 Minuten Mittelmaß. Manchmal ist das Leben genauso. Hast du den Trailer gesehen, hast du alles gesehen.

Regelmäßig frage ich mich: Wenn ich morgen eine tödliche Diagnose bekäme oder einen Unfall hätte, wie würde ich dann auf mein Leben schauen? Würde ich zurückblicken und sagen, ich habe es in vollen Zügen gelebt? Alles erlebt, gesehen, getan, was mir wichtig ist? Die Antwort ist jedes Mal vernichtend: Nein, das habe ich (noch) nicht. Gleichzeitig sage ich mir: Ach Micky, reiß dich mal zusammen. Was fehlt dir wirklich? Was würdest du denn wollen? Und schon sitze ich da mit meinem inneren Moodboard aus Cinematic Aesthetic, Sonnenuntergängen in Slow Motion, bedeutungsvollen Blicken aus Zugfenstern und einem Soundtrack, der perfekt zu jeder Situation in meinem Leben passt. (Dieser Trailer hält auch nicht, was er verspricht.) Alles ist schön. Und unrealistisch. Aber wenn ich nur klein träume, komme ich vielleicht nirgends an. Also muss ich groß träumen, damit wenigstens ein paar brauchbare Szenen im Final Cut landen.

Zwischen dem, wo ich bin, und dem, wo ich in meiner Fantasie wäre, liegt etwas Nebeliges. Nennen wir es: Realität. Oder: der Schnitt. Oder: der Teil, den niemand in den Trailer packt. Ich frage mich, was dazwischen eigentlich machbar ist. In einem Jahr. In zwei. In fünf. Und genau da wird es sehr… unkonkret. Mit Realität kann ich nicht so gut. Nur ein kleines, einfaches Ziel? Dafür ziehe ich mir doch nicht die Wanderschuhe an. Dafür baue ich doch kein neues Kapitel. Ich bin großartig darin, meine eigenen Schritte abzuwerten, bevor sie überhaupt losgehen. Effizient, wenn man Stillstand liebt.

Vielleicht ist das doch schon diese Midlife-Sache. Ich frage mich, ob ich öfter so über mein Leben nachdenken sollte. Oder ob genau das der Fehler ist. Muss ich wirklich ständig wissen, wo genau ich stehe und wohin es als Nächstes geht? Als wäre das Leben eine Wanderung mit perfekt beschilderten Wegen: Start A, Snackpause B, Ziel bei C. In Wahrheit fühlt es sich aber an wie: Ich bin irgendwo bei A (weiß ich aber nicht genau), mein Ziel könnte in etwa bei Z sein, und dazwischen liegen ungefähr 24 Buchstaben, die alle gleichzeitig winken und rufen: „Hier lang! Nein, hier! Nein, bleib kurz stehen und zweifle ein bisschen!“

Gibt es jemanden mit 41, der diese Fragen klar für sich beantworten kann: Wer bin ich? Was ist mein Ziel? Und mit Ziel meine ich keine materiellen Ziele. Nicht die 20.000 Euro Küche, das schnelle Auto oder die Reise auf einen anderen Kontinent. Ich meine: Wer will ich sein? Welchen Abdruck will ich hinterlassen, außer den auf matschigen Waldwegen? Was tue ich, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Vielleicht mache ich mir das Leben unnötig schwer. Vielleicht wäre es klüger, einfach aufzuhören, alles zu sezieren, und stattdessen in den Tag zu leben. Dankbar zu sein, dass ich überhaupt noch hier bin. Es gab Zeiten, da war 41 nicht die Mitte des Lebens, sondern bereits das Ende. Aber irgendwie kann ich das nicht. Das Denken abstellen. In den Tag hinein leben. Nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen. (Und schon gar nicht, nichts sagen.)

Und weil ich das nicht kann, wünsche ich mir Klarheit. Und ich wünsche mir, mich weniger selbst zu bescheißen. Weniger so zu tun, als wüsste ich genau, wohin ich will, während ich innerlich hoffe, dass sich der Weg schon irgendwie von allein ergibt. Vielleicht weiß ich sogar, wo ich hinwill, aber steht der Wunsch auf dem falschen Moodboard. Zu naiv. Zu groß. Zu weit weg von der Realität. Manche Dinge liegen nicht im Rahmen des Möglichen, egal wie ästhetisch sie in meinem Kopf aussehen.

Letztes Jahr habe ich gesagt: Ich weiß, wer ich bin. Und das stimmt. Mehr als mit 30, auf jeden Fall. Ich weiß, was mir guttut. Ich weiß, was ich nicht mehr mitmache. Ich weiß, dass Scheitern kein Versagen ist, sondern ein Richtungswechsel. Das alles nehme ich nicht zurück. Aber ich habe unterschätzt, dass Wissen nicht gleich Orientierung ist. Dass Selbstbewusstsein keinen inneren Kompass ersetzt. Und Sehen nicht bedeutet, die richtige Richtung zu erkennen.

Vielleicht ist 41 doch keine große Krise. Vielleicht ist es eher ein hartnäckiges Nachjustieren. Ein ehrliches Hinsehen: Was von meinem großen, glitzernden Filmset kann ich in meinen echten Alltag tragen, ohne dass es lächerlich wirkt? Und was darf einfach Fantasie bleiben, damit ich mich nicht selbst betrüge?

Der Specht hämmert noch immer. Er wirkt zufrieden. Als hätte er keine existenziellen Zweifel, sondern nur ein sehr klares Projekt. Ich beneide ihn kurz. Dann lache ich über mich selbst. „In einer Welt, in der sie alles haben könnte…“ Einen fertigen Plan habe ich jedenfalls nicht. Nichts, das ich sauber ausformulieren und an die Wand hängen könnte. Für jetzt muss es reichen, wach zu bleiben. Ehrlich mit mir selbst zu sein. Mich nicht kleiner zu machen, als ich bin.

Letztes Jahr habe ich gesagt: Jetzt geht es erst richtig los. Das stimmt noch immer, doch es fühlt sich anders an, als ich dachte. Weniger wie ein Startschuss. Mehr wie Weitergehen im Wald. Schritt für Schritt. Mit Fragen im Kopf und Mut im Herzen, um ihnen nicht auszuweichen. Das reicht zwar nicht mal für einen Trailer, aber mir fällt spontan ein Song dazu ein: 

It’s my life
It’s now or never
I ain’t gonna live forever
I just want to live while I’m alive

It’s my life
My heart is like the open highway
Like Frankie said, „I did it my way“
I just want to live while I’m alive
It’s my life“

Ein Gedanke zu „Ist das schon die Midlife Crisis?

  1. Du hast bereits ein Buch veröffentlicht und damit einen bleibenden Fußabdruck hinterlassen. Du bist eine Inspiration für andere und Sprachrohr unserer Mitte (während wir in deinem Alter vielleicht hauptsächlich noch mit Töpfchentraining und Einschulung beschäftigt sind..)
    Bitte mach weiter so!

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