Die Female-Rage-Liste

Triggerwarnung: In diesem Text kommen Männer vor. Viele Männer. Unterschiedliche Männer. Partner, Exfreunde, Dates, Kumpels, Kollegen, Zufallsbekanntschaften, Fremde. Keine erfundenen Figuren, keine Metaphern, keine literarische Übertreibung. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt.

Ich bin wütend. Richtig wütend. Was ein Problem ist, denn Female Rage ist keine besonders beliebte Emotion. Wütende Frauen irritieren. Wütende Frauen gelten als hysterisch, überempfindlich, anstrengend, gefährlich. Also lernen wir früh, unsere Wut zu verschleiern: ein bisschen Ironie hier, ein bisschen Selbstrelativierung da. Bis wir selbst nicht mehr sicher sind, ob unsere Wut überhaupt gerechtfertigt ist.

Zum diesjährigen Frauentag – oder, um den korrekten Namen zu benutzen, dem feministischen Kampftag – habe ich deshalb aufgehört, mich zu fragen, ob ich übertreibe. Und angefangen, mich zu erinnern.

Das Ergebnis ist eine Liste. Meine persönliche Female-Rage-Liste.


Ein Typ flirtet monatelang mit mir, inklusive Andeutungen, Händchenhalten und heimlichem Knutschen. Als ich ihm schließlich sage, dass ich Gefühle für ihn habe, sieht er mich irritiert an. Wie ich darauf käme? Er sei doch gar nicht an mir interessiert.

Ein anderer flirtet ebenfalls monatelang mit mir. Ich gestehe ihm meine Gefühle, er sagt, er braucht Zeit. Während ich wochenlang auf eine Nachricht von ihm warte, entscheidet er sich für eine andere Frau.

Ein Mann verbringt die Nacht mit einer anderen Frau. Am selben Abend, an dem ich ihm sage, dass ich in ihn verliebt bin.

Ein anderer erzählt mir ausführlich, wie gut er zwischen den Laken sei. Später stellt sich heraus: mittelmäßig ist noch großzügig formuliert.

Ein Typ flirtet auf mehreren Partys ziemlich eindeutig mit mir. Als seine Freundin davon erfährt, erzählt er ihr, ich hätte angefangen und ihm sei das alles total unangenehm gewesen.

Ein anderer besucht mich, obwohl ich krank bin. Er will mich gesund pflegen. Es wird spät, ich biete ihm an, zu übernachten. In der Nacht fängt er an, mich zu bedrängen. Er glaubt, ich würde meine Krankheit simulieren – um die Stimmung zwischen uns anzuheizen.

Ein Mann erklärt mir, er sei vermutlich asexuell, deshalb kann er gar nicht auf mich stehen. Ein paar Monate später ist er mit einer Bekannten von mir zusammen.

Ein anderer flirtet monatelang mit mir und stellt in Aussicht, vielleicht irgendwann seine Freundin zu verlassen. Nur ein kleines Detail vergisst er zu erwähnen: Sie ist schwanger. Mit seinem Kind.

Ein Mann erklärt mir auf einem Date, er suche etwas Festes. Aber Treffen mit ihm finden dann nur statt, wenn es in seinen Terminkalender passt. Also maximal einmal pro Woche.

Und einer erklärt mir, er antworte so selten auf Nachrichten, weil er aus gesundheitlichen Gründen kaum am Handy sei. Sein Status aktualisiert sich trotzdem mehrmals täglich mit Videos und Memes.

Auf einem mehrtägigen Schulausflug macht mein Ex pausenlos mit seiner Neuen herum. Für die sechsstündige Busfahrt setzt er sich zudem extra in die Reihe direkt vor mir.

Auf einer Party knutscht mein Freund, mit dem ich bereits zusammenwohne, mit einer Freundin von mir. Alle wissen es. Nur ich nicht.

Ein anderer betont immer wieder, wie sehr er die Zeit mit mir genießt. Aber er müsse auch viel arbeiten. Später stellt sich heraus: Mit „arbeiten“ meint er auch Treffen mit seiner Ex. Freibad. Bowling. Essen gehen.

Ein Freund verlässt mich, weil ich ihm „zu anstrengend“ bin. Ich habe ihn gefragt, warum ich auf seiner Prioritätenliste erst nach „Schule“ komme, obwohl er weder lernt noch Hausaufgaben macht.

Ein anderer sagt eines Morgens nach einem Jahr Beziehung: „Du bist die tollste Frau, die ich je kennengelernt habe, aber ich liebe dich nicht mehr.“ Dann geht er. Ohne Erklärung. Und ohne jemals wieder mit mir zu reden.

Jedes Mal, wenn ich mich von meinem Freund trenne, ruft er betrunken an. Er liebt mich. Er kann ohne mich nicht leben. Bei der sechsten (!) Trennung gehe ich wirklich. Beim nächsten Anruf liegt er auf einem Bahngleis. Ich soll ihn suchen. Und retten.

Ein anderer Exfreund erzählt nach unserer Trennung auf Partys anschauliche Bettgeschichten. Mit mir in der Hauptrolle.

Ein anderer stalkt mich nach der Trennung. Alles sei ein großes Missverständnis. Er gehöre doch zu den Guten. Warum ich das nicht erkennen wolle?

Im Sauna-Ruhebereich spricht mich ein deutlich älterer Mann an. Er liegt breitbeinig auf seiner Liege, kaum bedeckt. Er möchte sich mit mir über den Print auf meinem T-Shirt unterhalten.

Ein Mann, mit dem ich zusammenwohne, aber nicht zusammen bin, verliebt sich in mich. Während ich nicht da bin, geht er regelmäßig in mein Zimmer. Um an meinen Sachen zu riechen.

Aber damit endet die Liste nicht.

Mehr als einmal sitze ich neben einem Mann, der mich tröstet. Er hört zu, nickt verständnisvoll, legt mir den Arm um die Schulter. Und steckt mir plötzlich seine Zunge in den Hals.

Mehr als einmal stellt sich ein „Freund“ als etwas anderes heraus, sobald klar wird, dass ich nicht mit ihm ins Bett gehen werde.

Immer wieder treffe ich Männer, die sich mit mir verabreden, um ausschließlich über sich zu reden. Die mir ungefragt die Welt erklären. Die mich nicht für einen Flirt ansprechen, sondern für ein kleines Machtspiel – mit zweideutigen Kommentaren, ekelhaften Sprüchen und unangebrachten Gesten.

Und ich treffe auf unzählige Männer, die lügen. Aus Feigheit. Aus Bequemlichkeit. Oder um sich vor Verantwortung zu drücken. Auf Männer, die nach einem sexistischen Witz stolz grinsen: „War doch nicht so gemeint – entspann dich mal.“ Auf Männer, die glauben, ein Höhepunkt reiche, solange es ihrer ist. Und auf Männer, die meine freundliche, offene Art als Einladung verstehen, körperlich zu werden, obwohl ich nur höflich bin.

Das hier ist meine Liste. Fünfundzwanzig Jahre Material. Nicht chronologisch, nicht vollständig, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie handelt hauptsächlich von Männern, die ich gedatet, geliebt oder zumindest kurzzeitig für eine gute Idee gehalten habe. (Ehemänner, Arbeitskollegen, männliche Verwandte oder Begegnungen mit Männern im medizinischen, juristischen oder handwerklichen Kontext sind hier noch nicht mal aufgelistet.)

Ich frage mich nicht mehr: Ist meine Wut gerechtfertigt? War es wirklich „so schlimm“? Übertreibe ich vielleicht?

Denn mir drängt sich nach dieser Liste eine ganz andere Frage auf: Warum zweifeln wir Frauen an unserer Wut – statt an den Männern, die sie ausgelöst haben?

In diesem Sinne: Happy feministischer Kampftag!

Ein Gedanke zu „Die Female-Rage-Liste

  1. *neuer Eintrag auf der Female-Rage-Liste:

    Mein Chef hat mich heute zum 2. Mal innerhalb der letzten zwei Wochen in der Arbeit zum Heulen gebracht (weil er’s kann!), obwohl ich gerade einen Meilenstein erreicht hatte, der aber wohl längst überfällig war. Von wegen „wir“ feiern unsere Erfolge.. – alles Bullshit.
    Hintergrund: er vergleicht meine heutige Arbeitskraft mit der Leistung in der Zeit vor meinen Kindern damals in Vollzeit, als die Arbeit noch mein Hauptlebensinhalt war.
    Empathie ist seine größte Schwäche.
    Es tut gut, das irgendwo niederschreiben zu dürfen.

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