
Letzte Woche schreibt mir ein Mann: „Ich folge deinen Texten immer total gern.“ Das finde ich nett von ihm. „Ich habe gerade deinen feministischen Wut Post gelesen“, schreibt er weiter. Damit meint er die Female-Rage-Liste von letzter Woche. „Gibt es eigentlich auch Frauengeschichten?“, fragt er. Ich stutze. Frauengeschichten?
„Na ja“, schreibt er weiter, „du hast mir doch mal erzählt, dass du nicht auf Männer stehst.“ Ich versuche, mich zu erinnern. „Als ich dich gefragt habe, ob wir knutschen wollen.“ Ah. Einer dieser speziellen Momente im Leben einer Frau, in denen sie vorübergehend lesbisch wird, um die unerwünschte Annäherung eines Mannes effizient abzuwehren. Ich nenne es auch liebevoll ECO – das „Emergency-Coming-Out“.
Leider gewinnt meine Höflichkeit mal wieder die Oberhand. Also antworte ich: „Diese Unterhaltung hat stattgefunden? Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber gäbe es Geschichten mit Frauen, würden sie vermutlich nicht auf meiner Rage-Liste landen. Frauen sind selten so rücksichtslos wie Männer.“
Dann füge ich hinzu: „Und mit dir geknutscht hätte ich gleich gar nicht.“ „Warum nicht?“, fragt er. „Du bist verheiratet.“ Pause. „Und hast drei Kinder.“ Seine Antwort kommt sehr schnell. „Das finde ich schade, aber das hab ich dir ja schon mal gesagt.“
Ich sitze eine Weile da und starre auf mein Handy. Kannst du dir nicht ausdenken, denke ich wieder und wieder. Ein Mann, der meine feministischen Texte liest. Texte über Grenzüberschreitungen. Über Respekt. Über Augenhöhe. Über den Wunsch nach Veränderung. Über Loyalität. Über Gleichstellung. Über das fragwürdige Verhalten von Männern. Und dann findet er es schade, dass ich nicht mit ihm knutschen will. Verheiratet. Drei Kinder. Ich beende das Gespräch mit drei Emojis: 🚩🚩🚩
Meine Rage-Liste ist definitiv nicht lang genug. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, wir brauchen mehr Aufklärung. Mehr Bildungsarbeit. Nachhilfeunterricht. Anschauungsmaterial. Vor allem Anschauungsmaterial. Offensichtlich gibt es da draußen eine Menge Vertreter des männlichen Geschlechts, die es nicht besser wissen. Denen es vielleicht niemand beigebracht hat. Aber keine Sorge. Ich bin da. Ich helfe gern.
Zur Einordnung zwischenmenschlichen Verhaltens hat sich inzwischen ein recht übersichtliches Ampelsystem etabliert. Die sogenannten „Green Flags“ und „Red Flags“. Das System ist erstaunlich simpel und lässt wenig Raum für farbliche Verwechslungen.
Eine Green Flag ist ein Verhalten, bei dem Frauen innerlich zustimmen und sich sicher fühlen. Zum Beispiel: Ein Mann hört aufmerksam zu oder stellt ernsthaft interessiert Fragen. Er akzeptiert ein Nein als vollständige Antwort. Er meldet sich, wenn er es versprochen hat. Kurz: Er verhält sich wie ein Mensch, der verstanden hat, dass andere Menschen ebenfalls ein Innenleben besitzen.
Eine Red Flag ist das Gegenteil. Ein Verhalten, bei dem irgendwo im Hinterkopf eine Sirene angeht. Beispiele: Ein Mann fragt, ob sie „ihre Tage hat“, sobald sie widerspricht oder schlechte Laune zeigt. Hat er selbst schlechte Laune, liegt das daran, dass sein Tag heute besonders anstrengend war. Auch überlässt er den Haushalt und die Kinder größtenteils ihr, weil sie das „einfach besser kann“. Oder er möchte jederzeit wissen, wo sie ist, mit wem sie unterwegs ist und wann sie nach Hause kommt, weil er sich „einfach Sorgen macht“.
Zusammengefasst signalisieren Green Flags, dass das Verhalten eines Mannes den grundlegenden Mindestanforderungen menschlicher Interaktion entspricht und aktuell kein Sicherheitsrisiko darstellt. Red Flags signalisieren: Hier entwickelt sich gerade ein pädagogisches Projekt, für das ich nicht zuständig bin. Im Grunde also kein kompliziertes Bewertungssystem.
Soweit zur Theorie. Jetzt festigen wir das neu erworbene Wissen anhand von Alltagsbeispielen. Aber Achtung: Diese dienen ausschließlich der Veranschaulichung und sind ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen.
Mit einer Frau zu flirten und ihr eindeutige Avancen zu machen, obwohl man verheiratet oder in einer Beziehung ist, ist eine Red Flag. Verlassen zu werden und anschließend alle Singlefrauen im näheren Umkreis anzubaggern, ist eine Red Flag. Bei einem Telefongespräch auf die Frage „Wie läuft es bei dir?“ in einen dreißigminütigen Monolog über die Ex zu verfallen, die natürlich an allem schuld ist, obwohl zwischen Anrufer und Zuhörerin nur eine lose Bekanntschaft besteht, ist eine Red Flag.
Sich mit einer Frau auf einen Kaffee zu verabreden – egal ob romantisch oder rein platonisch – und dann die gesamte Zeit nur über sich, die eigenen Sorgen und Befindlichkeiten zu sprechen, ist eine Red Flag. Einer Frau zu sagen, man schätze sie als platonische Freundin sehr, um sich dann nicht mehr zu melden, sobald eine neue feste Freundin auftaucht, ist eine Red Flag. Einer Frau zu sagen, sie sei „nicht wie die anderen Frauen“, ist eine Red Flag.
Auf ein klar formuliertes Nein mit der Nachfrage „Warum?“ zu reagieren, ist eine Red Flag. Zu glauben, dass Hartnäckigkeit eine romantische Eigenschaft sei und kein Hinweis darauf, dass man ein Nein nicht akzeptiert, ist eine Red Flag. Einer Frau zu sagen, sie solle sich mal „nicht so anstellen“, nachdem man gerade eine Grenze überschritten hat, ist eine Red Flag.
Zu glauben, dass man durch ein Kompliment automatisch Anspruch auf ein Gespräch hat, ist eine Red Flag. Die Freundlichkeit einer Frau grundsätzlich als Flirt zu interpretieren, ist eine Red Flag. Und zu behaupten, sich in keinem dieser Punkte wiederzuerkennen, ist ebenfalls eine Red Flag.
