
Was kann ich zum Fall Collien Fernandes schreiben, was nicht schon vielfach geschrieben oder gesagt wurde? Und ist nicht genau das das Problem? Dass wir denken, es sei schon alles gesagt worden? Ausreichend oft. Ausreichend laut. Von irgendwem. Und trotzdem passiert… nichts. Oder doch. Es passiert schon etwas. Nur nicht das, was passieren müsste.
Seit ich im letzten Jahr begonnen habe, mich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen, werde ich regelmäßig von einer Informationsflut weggespült, die mich hilflos und hoffnungslos zurücklässt. An den meisten Tagen bin ich aber vor allem wütend. Und empört.
Empört auch darüber, dass so wenig Leute empört sind. Dass – auch Frauen – Fakten von sich schieben, die sie vermeintlich nicht betreffen. Wie jetzt im Fall von Collien Fernandes. Sie haben davon gehört, verfolgen es vielleicht auch, aber es geht ihnen nicht nahe genug. Sie sind nicht wütend genug.
Ich dagegen lese mich durch den Fall, schaue Videos, scrolle durch Kommentare, durch Einordnungen, durch „man muss beide Seiten sehen“ und „erst mal gilt die Unschuldsvermutung“ und denke mir: Ah ja. Klar. Natürlich. Wie konnte ich vergessen, dass Gewalt gegen Frauen ein differenziertes Diskussionsfeld ist, in dem man erst mal in Ruhe abwägen sollte, ob man jetzt empört ist oder erst nächste Woche. Oder gar nicht.
Für mich hat die Geschichte von Collien Fernandes nicht nur eine neue Dimension an Grausamkeit aufgetan. Ihr Fall klingt so unfassbar, dass man denken könnte, es handle sich um einen neuen Psychothriller auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Aber nein, keine Fiktion.
Ja, ich weiß. Es ist schwer, solche Themen an sich heranzulassen. Denn wenn man sie nah heranlässt, muss man auch etwas fühlen. Und wenn man etwas fühlt, müsste man vielleicht auch etwas tun. Und wer hat schon Zeit für so eine existenzielle Wut zwischen Arbeit, Einkauf und dem Versuch, ein halbwegs funktionierendes Leben zu führen. Also schiebt man solche Nachrichten weg. So wie man Dinge wegschiebt, die einem den Tag ruinieren können.
Zum Beispiel die Erkenntnis, dass Collien Fernandes oder auch Gisèle Pelicot keine Einzelfälle sind. Dass es nie Einzelfälle sind. Es ist ein Muster, das sich durchzieht. Durch Beziehungen, Freundeskreise, Familien. Gewalt an Frauen hat ein unfassbares Ausmaß angenommen und betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung. Denn die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten sind Frauen.
Trotzdem nehmen viele es einfach hin. Dieses Muster ist so zuverlässig geworden, dass wir sagen: „Ich bin zwar schockiert, aber nicht mehr überrascht.“ Und wir sagen das mit einer Selbstverständlichkeit, die da nicht sein dürfte. Schockiert, aber nicht überrascht. Das ist kein Zustand, mit dem ich mich abfinden kann.
Ich höre dann oft: „Das betrifft mich nicht.“ Oder: „Mein Freund würde so etwas nie tun.“ Und ich wünsche mir wirklich, dass das stimmt. Für jede einzelne Frau. Aber ich frage mich, wie oft dieser Satz schon gesagt wurde, bevor doch etwas passiert ist. Ich frage mich, wie viele dieser Männer auch vorher „auf gar keinen Fall so jemand“ waren. Und ich frage mich, wie nah etwas kommen muss, damit Wut und Empörung endlich laut genug werden.
Wir sitzen in der Realität fest und denken, wir hätten keine Wahl. Dass man da nichts machen kann. Was soll man auch tun, außer hoffen, dass es einen nicht selbst trifft. Außer sich einreden, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Außer weiterzumachen.
Genau deshalb macht es mich so wütend, wenn jemand sagt: „Ich kann mich damit nicht beschäftigen, das zieht mich zu sehr runter.“ Ja. Das tut es. Natürlich tut es das. Es sollte runterziehen. Es sollte wütend machen. Es sollte sich falsch anfühlen. Denn wenn uns das alles nicht mehr berührt, wenn wir anfangen, es nur noch zur Kenntnis zu nehmen, wie das Wetter oder die nächste Preiserhöhung, dann haben wir uns an etwas gewöhnt, woran wir uns nicht gewöhnen dürfen.
Ich kann mich nicht damit abfinden, in einer Welt zu leben, in der die Hälfte der Bevölkerung permanenter Gefahr ausgesetzt ist. Teil einer Gesellschaft zu sein, in der es nicht mehr ausreicht, ein Pfefferspray in der Tasche zu haben und nachts ein Taxi zu nehmen. Ich meine, können wir uns kurz verinnerlichen, dass Collien Fernandes 14 Jahre mit Christian Ulmen verheiratet war. Dass sie diesen Mann geliebt hat. Dass er der Vater ihrer gemeinsamen Tochter ist. Können wir festhalten, was er ihr über Jahre angetan hat – und dass er, obwohl er wusste, dass sie dagegen polizeilich und öffentlich vorgeht, weitergemacht hat. Immer weiter. Von Gisèle Pelicots Ex-Mann brauche ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.
Das waren keine fremden Männer irgendwo in einer dunklen Gasse. Niemand Unbekanntes, keine zufälligen Begegnungen. Es scheint mir wichtiger denn je, dass wir mit den Männern in unserem Leben sprechen. Dass wir sie dazu bringen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für alle anderen Männer.
Genauso sollten wir solidarisch mit den Frauen in unserem Leben sein. Denn die Geschichten von Collien Fernandes und Gisèle Pelicot sind nur die, die wir „kürzlich“ gehört haben. Es gibt unzählige mehr. Und sie können auch in unserem Freundeskreis passieren. In unserem Wohnhaus. In unserer Familie. Wir dürfen nicht länger wegschauen. Diesen Zustand der Welt nicht länger akzeptieren. Und das nicht nur für die Frauen, die nach uns kommen, sondern auch für die Frauen, die wir jetzt sind, und das Leben, das wir jetzt führen.
Die wunderbare Autorin Eva Reisinger hat meine Gedanken an dieser Stelle treffend zusammengefasst: „Das Einzige, was wir haben, ist einander. Dass wir uns helfen. Dass wir uns glauben. Dass wir uns Reichweite und Gehör verschaffen. Dass wir uns verweigern, dass wir wütend sind und uns zusammentun. Anders lässt sich das alles nicht mehr ertragen.“
