Erkundungstour statt Reiseroute

Ich bin mal wieder vom Weg abgekommen. Habe mich ein bisschen verfahren. Mich ablenken lassen. Die Musik war zu laut, die Landschaft zu schön, und am Ende bin ich irgendwo herausgekommen, wo ich gar nicht hinwollte. Jetzt stecke ich fest. Mit einem Platten.

Ursprünglich habe ich mit dem Schreiben angefangen, um mich der Welt zu nähern. Um sie besser zu begreifen und zu verstehen, welchen Platz ich darin einnehme. Jeder Text war wie eine Erkundungstour durch Gedanken, Gefühle, Beobachtungen und Zusammenhänge. Und das Veröffentlichen diente dazu, meine Erkenntnisse, aber auch meine Fragen, in die Welt zu tragen. Doch seit ein paar Monaten bin ich irgendwie vom Weg abgekommen.

Plötzlich wollte ich immer öfter „aufklären“. Wollte Menschen mitreißen, sie auf meine Seite ziehen. Sie überzeugen. Von meiner Meinung, meinem Standpunkt. Irgendwie auch von mir selbst. Und dadurch hat sich mein Schreiben verändert. Statt zu erkunden, habe ich fertige Erkenntnisse verteilt. Statt zu berichten, mit Fakten um mich geworfen. Gut recherchiert, ja. Von Bedeutung, ja. Auf meiner Festplatte liegen eine Menge halbfertiger Texte. Allesamt richtig und wichtig – und gleichzeitig kalt. Fern von mir.

Denn zwischen Recherche und Fakten habe ich das verloren, was für mich Schreiben eigentlich ausmacht: Situationen und Gespräche verarbeiten. Mich mit Worten meinen Gefühlen nähern. Meine Gedanken sortieren. Mich schreibend an Antworten herantasten. Mich immer wieder fragen: Warum ist mir das wichtig? Warum macht mich das wütend, traurig oder skeptisch? Warum arbeite ich mich daran ab? Warum genau werde ich davon getriggert?

Ich habe mich vom Kern meines Schreibens entfernt. Vom ehrlichen, suchenden Fühlen hin zu einem kontrollierten, erklärenden Schreiben, das mich von mir selbst trennt. Ich sehe mich nicht als Aufklärerin oder Wissensvermittlerin. Die harten Fakten überlasse ich lieber anderen. Denn was mich fasziniert, ist nicht das Endergebnis, sondern der Weg dorthin. Das ist der Stoff, aus dem meine Texte sind. Oder besser: waren. Denn in letzter Zeit, fühlt es sich anders an.

Ich habe schon länger nicht mehr über das geschrieben, was ich wirklich fühle. Keine Erkundungstouren. Stattdessen festgelegte Reiserouten. Ich wollte lieber stark wirken. Klug. Souverän. So, als hätte ich mehr Antworten als Fragen. Als hätte ich das Spiel verstanden. Als würde ich wissen, was ich tue und über den Dingen stehen. Weiß ich aber nicht. Stehe ich auch nicht. Ich wollte mehr darstellen, als ich bin. Und jetzt stecke ich fest. Mit einem Platten. Mir ist die Luft ausgegangen.

Ich behaupte nämlich, dass genau das meine Stärke ist: die Wege, die ich gehe, die Ängste, die Sorgen, die Gedankenschleifen, meine Beobachtungen und Schlussfolgerungen teilen zu können – obwohl es mir manchmal Angst macht. Obwohl ich mich mit all dem nicht so sicher fühle, wie es nach außen vielleicht wirkt. Aber oberflächlich zu bleiben, lässt mich unzufrieden zurück.

Die Themen, über die ich in den letzten Monaten geschrieben habe – ja, sie sind mir wichtig. Sie machen mich wütend und reiben mich auf. Aber sie sind nur ein Teil von dem, was mich beschäftigt. Nur ein Teil von dem, was mich in Bewegung hält und mich nachts nicht schlafen lässt.

Was ist passiert? Ich habe mir nicht, wie bisher, meine Wanderschuhe angezogen. Habe meinen Weg nicht mehr dokumentiert und bin nicht bei jeder interessanten Begebenheit stehen geblieben, um genauer hinzusehen. Ich habe weder die Aussicht genossen, noch Wind und Sonne auf meiner Haut gespürt.

Stattdessen bin ich in hohem Tempo durchgezogen. Habe Strecke gemacht, und dabei alles übersehen, was meinen Weg eigentlich ausmacht. Ich habe mich gefragt, warum mir das Schreiben plötzlich so schwer fällt. Warum ich aus den Themen, die mich bewegen, keine Texte mehr machen kann, die mich bewegen. Denn mein Leben will nicht durchdacht, sondern gefühlt werden. Durchgefühlt. Auch wenn ich es angsteinflößend finde, mich all meinen Gefühlen zu stellen.

Und noch etwas ist beängstigend: mich immer wieder zu öffnen. Zu teilen, Einblicke zu gewähren. Mich zu zeigen bedeutet, verletzlich zu sein. Verwundbar. Es macht mich angreifbar. Das ist vermutlich auch der Grund, warum sich viele Menschen mit Oberflächlichkeiten aufhalten. Warum sie oft nicht zeigen, wer sie wirklich sind, oder sagen, was sie denken. Aus Angst vor Verletzungen. Es gibt wenig, was so verletzlich macht, wie einfach man selbst zu sein.

Doch ich glaube daran, dass es diese Offenheit braucht. Denn ich träume von einer Gesellschaft, die wieder verbunden ist. Die Verletzlichkeit als Stärke und nicht als Makel begreift. Die wieder zuhört, mitfühlt, heilen möchte. Eine Gesellschaft, in der Menschen füreinander einstehen und sich gegenseitig unterstützen. Und wie soll das funktionieren, wenn wir uns nicht öffnen? Wenn wir einander nicht vertrauen? Wenn wir uns nicht verstehen? Wenn wir glauben, jede:r müsse für sich allein kämpfen?

Deshalb möchte ich wieder zu Atem kommen. Ich will meine Wanderschuhe erneut anziehen und meinen Weg wieder aufmerksamer, unvoreingenommener und stets neugierig fortsetzen. Auch dann, wenn ich nur halbfertige Gedanken, unklare Gefühlen und irritierende Beobachtungen im Gepäck habe.

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