Die Legende vom Alleinversorger

Wenn ich noch ein Interview mit einem erfolgreichen Mann höre, der mir erzählt, er müsse ja so viel arbeiten, weil er „der Verantwortliche für diese vier Mäuler“ ist, dann könnte es sein, dass ich irgendetwas in Brand stecke. Ich kann diese selbstgefällige Art nicht mehr ertragen. Männer, die sich über Frauen erheben und denken, ihr Erfolg wäre eine Einzelleistung.

Auch ich kenne so eine Geschichte. Sie beginnt sehr romantisch. Erst heißt es: „Wie schön, dass du hinter mir stehst. Dass du mir den Rücken freihältst. Dass du dich um alles kümmerst, damit ich meinen Träumen folgen und mich verwirklichen kann.“ Bei einer Trennung, Jahre später, klingt dieselbe Geschichte plötzlich ganz anders: „Ich musste so viel Verantwortung allein tragen. Die ganze Last lag auf meinen Schultern. Ich musste immer arbeiten, weil du nicht gearbeitet hast.“

Kleiner Realitätscheck: Wer Kinder großzieht, den Alltag organisiert, emotionale und soziale Arbeit leistet, Beziehungen stabil hält und das Leben mehrerer Personen strukturiert, der arbeitet. Oder besser: die arbeitet. Permanent. Wenig sichtbar, noch weniger messbar und erst recht nicht bezahlt. Doch ohne diese „unsichtbare“ Arbeit würde das ganze Konstrukt Familie in sich zusammenfallen. Inklusive der Karriere des Mannes, die er so gern als Einzelleistung darstellt.

Denn Verantwortung für eine Familie beginnt nicht mit einem Gehaltsscheck. Die Vorstellung, die „volle Last“ habe allein auf den Schultern einer (natürlich männlichen) Person gelegen, ist also nicht nur verzerrt. Es ist schlicht eine sehr bequeme Erzählung. Ein Umschreiben der Realität, bis am Ende nur noch eine Version übrig bleibt, in der ein Mann Held und Opfer zugleich ist. Wäre ich nicht dabei gewesen, würde ich ihm vielleicht glauben, aber so denke ich: Wirklich? Das ist die Geschichte, die du über uns erzählst?

Seine Arbeit war wie eine Naturgewalt. Wie Regen. Oder Schwerkraft. Einfach da. Unverhandelbar. 60 Stunden die Woche und mehr. Und daneben (s)eine Frau, die angeblich „nicht gearbeitet“ hat und sich heute fragt, wie sie dennoch jahrelang rund um die Uhr beschäftigt sein konnte, ohne dabei jemals „richtig“ gearbeitet zu haben. 24/7 Kaffeekränzchen sozusagen. Ein kleines Wunder der männlichen Logik.

Karriere ist eine nicht enden wollende Erzählung vom hart erarbeiteten Erfolg. Als hätte Erfolg nichts mit den Strukturen zu tun, die ihn erst möglich machen. Als hätte da nicht permanent jemand im Hintergrund dafür gesorgt, dass überhaupt Raum für diesen Erfolg entsteht. Liebe Männer, ich halte eure Hand, während ich das schreibe: Wenn ihr eine Familie habt, ist euer beruflicher Erfolg eine Teamleistung.

Wir Frauen tragen ganze Systeme – emotional, organisatorisch, sozial. Sich über diese Tatsache arrogant und abwertend zu erheben zeigt nur einmal mehr, dass Männer und Frauen die Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen. Statt die Arbeit, die Frauen im Hintergrund leisten anzuerkennen, erfolgt eine komplette Umdeutung. Als wäre Care-Arbeit keine Arbeit. Als wären Frauen irgendwelche Anhängsel. Kleine Vogelbabys im Nest vielleicht, bei denen man gelegentlich vorbeifliegt und einen Wurm fallen lässt, bevor man sich wieder heldenhaft ins Berufsleben stürzt.

Es folgt eine wilde Theorie: Wenn Verantwortung wirklich geteilt würde, könnten auch Möglichkeiten geteilt werden. Zeit, Geld, Ressourcen, Entwicklung. Wenn man die Dinge tatsächlich gemeinsam tragen würde – Kinder, Haushalt, Verantwortung – dann könnten auch beide arbeiten. Beide sich entwickeln. Beide Geld verdienen. Vielleicht wären beide erschöpft, aber es wäre fairer aufgeteilt. Denn, etwas zu teilen bedeutet nur die Hälfte leisten zu müssen. Fucking mind blowing, I know.

Eine Familie zu managen ist eine Mammutaufgabe. Riesig, allumfassend, kräftezehrend, laut, endlos. Eine Aufgabe, die alles einnimmt, wenn sie allein bewältigt werden muss. Ich kann also durchaus verstehen, warum Männer zwar Frau und Kinder haben wollen, nicht aber Ehemann und Vater sein möchten. Eine Mammutaufgabe, für die es weder Geld, noch Anerkennung gibt. Wer würde sich so etwas freiwillig antun?

Und dennoch gibt es Frauen die zusätzlich arbeiten gehen. Die sich an allen Fronten gleichzeitig aufreiben. Die nie ganz auf Arbeit sind, nie ganz bei ihrem Kind, nie ganz in ihrer Beziehung oder bei sich selbst. Hört man diese Frauen in Interviews sagen: „Ich habe so ein schweres Leben. Ich muss mich um vier Mäuler zu Hause kümmern, ich trage so viel Verantwortung ganz allein“? Nein. So etwas hören wir von Frauen nicht. Denn da liegt der Unterschied: Manche Arbeit wird erzählt. Andere wird einfach gemacht.

Falls also auch du zu den Männern gehörst, die sich selbst für tragende Säulen halten, während zu Hause jemand dafür sorgt, dass dein Leben nicht komplett auseinanderfällt: Please, shut the fuck up.

Wenn deine Kinder wissen, wer du bist, obwohl du ständig arbeitest. Wenn du immer saubere Wäsche im Schrank liegen hast. Wenn du an den Geburtstag deiner Mutter erinnert wirst. Wenn dein Lieblingsessen im Kühlschrank steht. Wenn Arzttermine für dich organisiert werden. Wenn du nie eine leere Zahnpastatube hast. Wenn du emotional aufgefangen wirst. Wenn sich dein Zuhause auch nach einem Zuhause anfühlt – dann wirst du von jemandem geliebt, der jeden einzelnen Tag mitträgt, dass du da draußen deine 60-Stunden-Woche „performst“. Oft so selbstverständlich, dass du vielleicht angefangen hast zu glauben, all das würde einfach passieren. Tut es nicht. Es wird von jemandem gemacht.

Also krieg deinen Scheiß zusammen. Würdige diese Frau in deinem Leben. Jeden verdammten Tag. Und dann fang an dich zu fragen, wie du sie in Zukunft unterstützen kannst. Hör auf, dich wie ein Held dafür zu feiern, dass du deine Familie „allein ernährst“. Sei kein Benjamin. Sei ein Vorbild.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert