Wirf deine Zeit aus dem Fenster mit mir

Während meiner Ausbildungszeit kam ich jeden Tag an einer Kreuzung vorbei. Rechts ging es zu mir nach Hause, links zu meinem besten Freund. Ich bin ziemlich oft links abgebogen. Nicht geplant. Nicht angekündigt. Ich stand einfach irgendwann vor seiner Tür und klingelte. Entweder er war da oder eben nicht. Und das Verrückte ist: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich das damals übergriffig angefühlt hätte. Eher im Gegenteil. Es hatte etwas Selbstverständliches. Dieses stille Wissen: Du bist jederzeit willkommen.

Man stelle sich das heute mal vor. Es klingelt an der Tür und jemand kommt unangemeldet vorbei. Einfach so. Ohne Grund. Außer dem, dass man gemeinsam Zeit verbringen möchte. Spontane Besuche fühlen sich ja mittlerweile so angemessen an wie eine Hausdurchsuchung. Wann genau hat Spontaneität angefangen, sich wie eine Grenzüberschreitung anzufühlen?

Ich kam meist direkt von Arbeit. Acht Stunden durch. Verschwitzt, müde, manchmal genervt, ganz sicher nicht die beste Version meiner selbst. Trotzdem war ich immer gern gesehen. Ich saß mit am Tisch, aß ganz selbstverständlich Abendbrot mit seiner Familie, wir hingen rum, schauten Filme, hörten Musik und redeten über das Leben.

Es gab keine Inszenierung. Keinen Druck, interessant oder gut drauf sein zu müssen. Keine Erwartung an eine „wertvolle Abendgestaltung“. Nur Vertrautheit und diese Selbstverständlichkeit von Nähe. Ich vermisse dieses Nicht-Organisieren-Müssen. Dieses „Ich war gerade in der Nähe“ statt „Hättest du am 14. Juni zwischen 18:30 und 20:15 Uhr Kapazitäten für soziale Interaktion?“

Genauso war es auch mit meinen Freundinnen. Mit der einen lieh ich regelmäßig Videokassetten (später DVDs) aus, kaufte Tiefkühlpizza und blieb bis mitten in die Nacht auf, um gemeinsam Filme zu schauen und über die Menschen zu reden, die wir liebten, hassten oder beides gleichzeitig. Mit der anderen hörte ich stundenlang Musik oder stand auf Konzerten, irgendwo zwischen halb heiser mitsingen, stickiger Luft und dem Gefühl, dass das Leben noch unendlich groß vor uns lag.

Wir gingen feiern, einfach weil Freitag war. Oder Mittwoch. Wir brauchten weder einen Grund zum Treffen noch einen zum Feiern. Kein geplantes Event. Keine wochenlange Terminfindung. Obwohl wir längst arbeiteten, Schichten hatten und früh aufstehen mussten, zog es uns zueinander. Als wäre Nähe damals keine zusätzliche Aufgabe gewesen, sondern etwas, das ganz selbstverständlich zwischen allem anderen stattfand. Heute bauen wir unser Leben und versuchen, darin noch Platz für Freundschaft zu finden. Früher war Freundschaft das Leben selbst.

Und nein, das ist kein Nostalgieflash kurz vor dem emotionalen Absturz in „Früher war alles besser“. Denn das war es nicht. Wir hatten genauso Krisen. Liebeskummer, Zukunftsangst, familiäre Probleme, Orientierungslosigkeit. Das Leben hat uns damals auch schon erschüttert und durchgeschüttelt. Aber es fühlte sich weniger nach Einzelkampf an. Weniger nach: Das muss ich jetzt erst mal allein mit mir ausmachen. Ich vermisse die Leichtigkeit, mit der Nähe früher entstanden und geblieben ist. Wir haben uns viel selbstverständlicher mitgetragen als heute.

Erwachsensein wirkt für mich oft wie ein riesiges individuelles Optimierungsprojekt. Jede:r versucht, gleichzeitig mental gesund, produktiv, emotional reflektiert, körperlich fit, finanziell stabil und sozial ausgeglichen zu sein. Alles muss irgendwie effizient sein, Sinn ergeben, organisiert werden.

Und irgendwo dazwischen haben wir angefangen, uns möglichst platzsparend im Leben anderer Menschen zu bewegen. Nicht zu viel sein. Nicht stören. Nicht nerven. Früher rief ich einfach an, wenn etwas passiert war. Heute schreibe ich vorher eine Nachricht: „Hast du kurz Zeit? Kann ich mal anrufen?“ Als würde ich keinen Menschen kontaktieren, den ich liebe, sondern beim Bürgeramt einen Zugang beantragen. Ich frage mich dann: Ist mein Problem überhaupt „groß genug“? Hast du in deinem Leben gerade Kapazitäten für mich? Bin ich zu anstrengend? Stelle ich einen Elefanten in den Raum, der eigentlich nur eine Mücke ist?

Nähe wird vorsichtig dosiert. Dabei sehne ich mich genau danach. Wie oft sind wir wirklich spontan? Wie oft verbringen wir mit jemandem länger Zeit als geplant? Und schauen dabei weder auf die Uhr noch auf unser Telefon? Die wenigsten Begegnungen passieren noch „einfach so“.

Zu oft behandeln wir Freundschaften heute wie einen zusätzlichen Termin auf unserer To-do-Liste. Irgendwo zwischen Rückentraining, Steuererklärung und „endlich mal den Kleiderschrank aussortieren“. Wir führen unsere Leben wie kleine Unternehmen. Durchgetaktet, optimiert, komplett ausgelastet. Bloß keine Leerlaufzeiten. Bloß keine ungeplanten Umwege.

Zwischen Google Kalendern, Selbstoptimierung und „Ich brauche dieses Wochenende Zeit für mich allein“ ist mir etwas verloren gegangen, das früher ganz selbstverständlich da war: gemeinsamer Alltag.

Ich vermisse diese unspektakulären Momente, die kein Event brauchten, um Bedeutung zu haben. Kurz vorbeikommen. Zusammen einkaufen gehen. Gemeinsam kochen. Eine Stunde telefonieren, obwohl man eigentlich nur kurz etwas klären wollte. Mir fehlt die Art von Nähe, die in den Ritzen des Alltags entsteht. In den Momenten, in denen niemand performt. Niemand interessant sein muss. Niemand extra gute Laune mitbringt. Es fehlt mir, gemeinsam Zeit zu „verschwenden“.

Ich möchte Beteiligung. Teil des Alltags meiner liebsten Freund:innen sein statt nur Empfängerin gelegentlicher Updates. Ich möchte angerufen werden, wenn etwas passiert – nicht erst, wenn es bereits reflektiert, verarbeitet und komprimiert abgelegt wurde. Ich vermisse Filmabende mit Tiefkühlpizza, gemeinsames Musik hören und das Gefühl, jederzeit links abbiegen zu können.

Gleichzeitig frage ich mich, ob das heute überhaupt noch möglich ist. Natürlich kann niemand mehr jeden Abend unangemeldet irgendwo klingeln. Vielleicht wäre das mit Ü40, Partner:innen, Kindern, Jobs und Verantwortung inzwischen tatsächlich eher ein Polizeieinsatz als ein gemütlicher Filmabend. Aber muss diese Art von Nähe deshalb komplett verschwinden? Oder haben wir irgendwann einfach aufgehört, ihr bewusst Raum zu geben?

Vielleicht geht es gar nicht darum, wieder wie mit 20 zu sein. Vielleicht geht es nur darum, wieder mutiger miteinander zu werden. Wieder öfter anzurufen. Wieder öfter kurz vorbeizukommen. Weniger darüber nachzudenken, ob man stört.

Ich möchte das jedenfalls unbedingt wieder mehr in meinem Leben. Wieder öfter irgendwo klingeln. Wieder gemeinsam Zeit verbringen, ohne dafür Wochen im Voraus ein Zeitfenster im Kalender zu blockieren. Einen Weg finden, auch als Erwachsene wieder selbstverständlicher miteinander verbunden zu sein. Trotz all der Kalender, Verpflichtungen und Routinen möchte ich die Türen für bestimmte Menschen bewusst offenhalten.

Für ein „Ich war gerade in der Nähe“. Für ein „Ich habe dich vermisst und wollte dich sehen.“ Für ein „völlig unnötig langes“ Telefonat. Oder dafür, links abzubiegen.

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