Vom Risiko, nichts zu riskieren

Ich hatte letzte Woche das außerordentliche Vergnügen, mit vier Teenagern abhängen zu dürfen. Sie haben eine Haarparty gefeiert, sich gegenseitig die Haare geschnitten, gefärbt, experimentiert. Einer der Teens hat sich die Haare von lang auf radikal kurz schneiden lassen. Wild. Rebellisch. Und es war sofort klar, dass es nicht darum ging, möglichst schön auszusehen. Es ging darum, etwas auszudrücken. Zu sagen: Das hier gehört mir. Mein Körper. Mein Leben. Ich sitze jetzt am Steuer. Haare schneiden als Ausdruck von Unangepasstheit. Von Rebellion. Von Selbstbestimmung.

Und während ich dabei zusah, wie Strähnen auf den Boden fielen und abrasierte Haarspitzen herumwirbelten, wirbelten auch ein paar Gedanken durch meinen Kopf.

Ich dachte plötzlich: Jungsein ist eigentlich wahnsinnig leicht. Nicht leicht im Sinne von einfach. Eher leicht im Sinne von beweglich. Durchlässig. Weniger festgefahren. Natürlich fühlt es sich nicht so an, wenn man mittendrin steckt. Wenn man sechzehn ist, zwanzig vielleicht, dann ist alles ein Riesending.

Mag er mich? Mag er mich nicht? Schaffe ich die Schule? Bin ich zu viel? Nicht genug? Stress mit den Eltern, Regeln, die keinen Sinn ergeben, das ständige Gefühl, gleichzeitig völlig überfordert und trotzdem unsterblich zu sein. Freundschaften fühlen sich existenziell an, Liebeskummer wie das Ende der Welt und jede kleine Katastrophe wird zum persönlichen Ragnarök.

Trotzdem geht man in diesem Alter anders durchs Leben. Weniger kontrolliert. Weniger berechnend. Naiver, unwissender, ahnungsloser. Nicht jede mögliche Konsequenz wird bis zum bitteren Ende durchsimuliert. Im Kopf ploppen nicht sofort zwölf Warnhinweise auf, sobald darüber nachgedacht wird, etwas zu tun. Es gibt weniger Faktoren in der Rechnung. Weniger Tabellenkalkulation im Gehirn. Dadurch wirkt das Leben nicht jedes Mal wie ein Hochrisikoprojekt, wenn man aus seiner Komfortzone tritt.

Doch je älter wir werden, desto mehr Variablen kommen dazu. Wir sammeln Erfahrungen, Enttäuschungen, Vorsicht. Irgendwann besteht jede Entscheidung aus einem kleinen internen Krisengipfel. Alles wird analysiert, abgewogen, gegeneinandergestellt. Was könnte passieren? Was, wenn es schiefgeht? Was denken andere? Ist das vernünftig? Ist das sinnvoll? Ist das strategisch klug?

Und ich frage mich, ob Erwachsenwerden zwangsläufig bedeutet, starr zu werden. Ob Reife wirklich immer mit diesem inneren Verhärten einhergehen muss. Ob Verantwortung auch übernommen werden kann, ohne dabei die eigene Beweglichkeit zu verlieren. Die Fähigkeit, spontan zu sein. Mutig. Offen.

Als junge Menschen hatten viele von uns deutlich weniger Angst vorm Leben. Natürlich, weil wir noch nicht so oft gescheitert sind. Weil wir noch nicht wussten, wie sehr etwas wehtun wird. Aber ich behaupte, selbst wenn es so gewesen wäre, wenn wir das Wissen zu diesem Zeitpunkt bereits gehabt hätten, hätte es unsere Bereitschaft, trotzdem ein Wagnis einzugehen, nicht gemindert. Und genau diese Bereitschaft fehlt vielen Erwachsenen irgendwann komplett. Dabei ist sie gerade später im Leben dringend notwendig.

Denn wenn aus Vorsicht Angst wird, wird Angst irgendwann zum Problem. Nicht, weil Angst grundsätzlich schlecht wäre. Sie darf mitreden. Sie hat ihre Berechtigung. Aber sie sollte nicht die lauteste Stimme am Tisch sein. Nicht diejenige, die jede Entscheidung allein trifft. Neben ihr sollten auch andere Stimmen ihren Platz bekommen: Hoffnung. Neugier. Freude. Vertrauen. Der Glaube daran, dass etwas gut ausgehen könnte. Dass ich einer Situation gewachsen bin.

Denn wenn nur noch Angst am Steuer sitzt, entscheiden wir uns irgendwann gegen alles. Gegen Risiken. Gegen Veränderung. Gegen Menschen. Gegen Möglichkeiten. Hauptsache, nichts tut weh. Hauptsache, nichts geht schief.

Ich möchte kein Leben führen, das hauptsächlich daraus besteht, mich vorsorglich gegen Dinge zu entscheiden, damit nichts schiefgeht. Fehler zu vermeiden wie Schlaglöcher auf einer Landstraße. Zum Leben gehört auch, sich zu irren. Sich zu blamieren. Zeit zu verschwenden. Sich in Menschen zu täuschen. Sich das Herz brechen zu lassen. Weil all diese Erfahrungen das Menschsein ausmachen. Es lebendig machen.

Stell dir vor, du stirbst und warst die ganze Zeit vernünftig. Ich möchte nicht eines Tages auf mein Leben zurückblicken und im Kopf all die Dinge durchgehen, die ich nicht gemacht habe. Stattdessen möchte ich zurückblicken und denken: Das war komplett unnötig. Das war peinlich. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Anstatt festzustellen, dass ich aus Angst vor alldem einfach gar nichts gemacht habe. Ich glaube, es ist notwendig, auch falsche Entscheidungen zu treffen.

Denn Bedeutung entsteht doch überhaupt erst dadurch, dass nicht alles glattläuft. Positive Erfahrungen können wir vor allem dann wertschätzen, wenn wir auch negative Erfahrungen gemacht haben. Freude spüren wir, weil wir auch Enttäuschung kennen. Nähe, weil wir Verlust erlebt haben. Würde alles immer so laufen, wie wir es uns vorgestellt haben, wäre das Leben nicht berauschend, sondern ernüchternd. Gewöhnlich.

Und ganz ehrlich: Ich möchte kein Leben, das sich am Ende nur gewöhnlich anfühlt. Es wäre sicher, ja. Durchdacht. Und aufgeräumt. Aber unfassbar langweilig.

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