
Wenn du eine Frau wirklich brechen willst, lass sie erkennen, dass sie einen neuen Bikini braucht.
Ich brauche einen neuen Bikini.
Jeden Frühling vergesse ich kurz, dass ich dieses Problem habe. Dann wird es plötzlich warm draußen und irgendjemand sagt das Wort „Badesee“ und mein Gehirn reagiert sofort wie ein Rauchmelder auf angebrannten Toast.
Die letzten Jahre habe ich improvisiert und mich mit Sporttops durchgemogelt. Das funktioniert immer so lange gut, bis der nasse Stoff auf der Haut zu trocknen beginnt. Plötzlich rieche ich wie das Innenleben der Sporttasche meines pubertierenden Sohnes. If you know, you know.
Dabei würde ich sagen: Ich bin okay mit meinem Körper. Ich gehe zweimal die Woche zum Sport. Ich bin über vierzig. Ich habe Frieden geschlossen mit Dingen, die früher komplette Sinnkrisen in meinem Badezimmer ausgelöst haben. Die Zeit der stundenlangen Spiegelanalysen mit eingezogenem Bauch und akribischer Delleninventur ist vorbei.
Doch dann stehe ich in der ersten Umkleidekabine dieses Tages. Halb nackt. Leicht verschwitzt. Auf einem Bein. Und versuche, mich in ein Bikinioberteil der Größe XL zu pressen, in das offensichtlich maximal eine optimistische Mandarine passt, aber ganz sicher keine erwachsene Frau. Vielleicht wurden die Größen neu definiert, während ich jahrelang erfolgreich negierte, mir einen neuen Bikini kaufen zu müssen.
Im zweiten Laden ergeht es mir nicht besser. Vielleicht habe ich einfach den falschen Schnitt erwischt.
Im dritten Laden beginnt etwas in mir zu bröckeln. Wie bei einem Tassenregal, dessen Dübel sich unter dem Gewicht langsam aus dem Putz arbeiten. Ich stehe kurz davor, die ersten Tassen fallen zu hören. Sollte ich mich vielleicht doch nicht so wohl in meinem Körper fühlen, wenn ich nicht mal einen passenden Bikini für ihn finde? Es ist faszinierend, wie schnell jahrelang erarbeitete Selbstakzeptanz von einem schlecht geschnittenen Bikinioberteil aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.
Für wen werden diese Oberteile überhaupt entworfen? Diese winzigen Stoffdreiecke mit Spaghettiträgern, die aussehen, als würden sie bei der kleinsten Bewegung kündigen. Mit Schnürungen auf dem Rücken, für die man zwei Semester Knotenkunde belegen muss. Und Farbkombinationen, die aussehen wie der Fiebertraum eines Textmarkers.
Im vierten Laden probiere ich einen sogenannten Push-up-Bikini an und sehe aus wie eine halb verpackte Wurst kurz vor dem Platzen der Pelle.
Im fünften Laden inspiziere ich ungläubig einen gehäkelten Boho-Bikini, durch den der komplette Badesee ohne Probleme meine Br*stw*rzen kennenlernen könnte.
Und während ich im sechsten Laden versuche, meine Oberweite möglichst würdevoll in ein Neckholder-Oberteil mit Genickbruchpotenzial hineinzudiskutieren, frage ich mich plötzlich: Warum ist es bei Bikinis eigentlich optional, ob Br*ste hineinpassen? (Hihi, sie hat Br*ste gesagt, kicher, kicher.) Dabei haben die meisten Frauen nun mal welche. Wirklich verrückt, ich weiß. Und das Problem ist: Wir müssen sie mitnehmen. Zum Schwimmen. An Seen. Ins Freibad. In den Urlaub. Sie sind fest installiert. Egal wie groß sie sind. Und ganz egal, ob wir sie lieben, tolerieren oder seit zwanzig Jahren eine komplizierte Beziehung mit ihnen führen.
Und genau diese Br*ste möchten einfach nur Stoff. Halt. Ein bisschen Würde. Vielleicht sogar ein schönes Muster. Ist das wirklich zu viel verlangt?
Im siebten Laden entdecke ich einen „Sportbikini“. Endlich, denke ich. Der ist bestimmt funktional. Für Frauen gemacht, die sich tatsächlich bewegen möchten und nicht nur dekorativ an einem Infinitypool sitzen. Fünf Minuten später stecke ich beim Über-den-Kopf-Ziehen im Stoff fest und starre ungläubig in den Spiegel der Umkleidekabine wie ein versehentlich eingefangener Oktopus.
Und warum ist es mir als Frau eigentlich nicht erlaubt, auch Umfang zu haben? (Das war eine rhetorische Frage. Ich kenne die Antwort. Danke für nichts.) Ich habe nicht nur etwas nach vorn zu bieten, sondern auch zur Seite. Bestes Leistungsschwimmerinnenkreuz. Hart erarbeitet in chlorhaltigen Jugendjahren. Damit möchte ich auch angeben dürfen.
Im achten Laden gebe ich eine weitere entwürdigende Vorstellung vor dem Spiegel der Umkleidekabine. Und dann dieses Licht. Dieses Licht will nicht, dass wir shoppen. Dieses Licht will, dass wir leiden. Dieses Licht hat mir im Laufe meines Lebens vermutlich tausende Euro gespart, weil ich plötzlich überzeugt war, grundsätzlich nie wieder einen menschlichen Körper besitzen zu wollen.
Neben mir raschelt ein Vorhang. Ein Mann verlässt die Umkleide mit drei Badehosen in der Hand und sieht dabei aus, als hätte er einfach nur Badehosen anprobiert. Nicht seine Existenz hinterfragt. Und ich frage mich: Gehen Männer eigentlich in Umkleidekabinen und denken plötzlich: „Interessant. Offenbar bin ich als Mensch gesellschaftlich gescheitert, weil diese Badehose meinen Oberschenkel auf eine irritierende Weise umarmt“? Irgendwie glaube ich das nicht. Dieser Mann wirkt jedenfalls erstaunlich zufrieden.
Ich hingegen sitze mittlerweile auf dem kleinen Hocker zwischen meinen Klamotten und überlege, ob jetzt Phase zwei des modernen Konsumkapitalismus beginnt: nachts frustriert Online-Shops durchsuchen, acht Modelle bestellen, acht zurückschicken und sich dabei fühlen wie die problematischste DHL-Kundin Deutschlands.
Dabei will ich doch einfach nur an einem See liegen. Mich sonnen. Schwimmen gehen. Existieren, ohne mich halbnackt oder wie ein Würstchen zu fühlen. Ich möchte auch nicht permanent das Gefühl haben, dass gleich etwas herausfällt, sobald ich mich bewege oder Luft hole.
Der neunte Laden zwingt mich schließlich in die Knie. Ich kapituliere. Vermutlich lande ich am Ende doch wieder bei einem Sporttop und rieche nach zwanzig Minuten Sonne wie ein feuchter Sportschuh. Aber wenigstens bleibt alles da, wo es hingehört. Für dieses Jahr habe ich jedenfalls aufgegeben zu glauben, dass der perfekte Bikini noch Teil meines Lebens wird.
Und falls irgendwo da draußen gerade eine Frau halb verschwitzt in einer Umkleidekabine steht, dem unfreundlichen Neonlicht ausgesetzt und eingeklemmt in ein grell gemustertes Stück Polyester: Nicht du bist das Problem. Es ist definitiv der Bikini.
