
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Das ist eine dieser Fragen, die Menschen gern stellen, als würde irgendwo in uns allen ein sorgfältig ausgearbeiteter Businessplan liegen. Mit Vision, Meilensteinen und Zielbild. Als müsste ich nur kurz in meinem Inneren nachsehen und könnte dann antworten: „Ah ja, danke der Nachfrage. In zehn Jahren wohne ich dort, mache das, liebe diesen Menschen, habe jenes erreicht und trage meine Röcke vermutlich 10 cm länger als heute.“
Aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich gern eine Antwort darauf. Eine gute Antwort. Eine erwachsene Antwort. Etwas, das klingt, als hätte ich mein Leben im Griff und nicht bloß eine beeindruckende Fähigkeit entwickelt, auch in emotionalen Ausnahmezuständen noch pünktlich meine Rechnungen zu bezahlen.
Stattdessen reagiert mein Gehirn auf solche Fragen wie ein Computer, auf dem hundert Browserfenster gleichzeitig geöffnet sind: Was will ich eigentlich? Wo soll das alles hinführen? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn es schon zu spät ist? Warum scheinen andere Menschen zu wissen, wohin sie unterwegs sind? Und warum habe ich das Gefühl, den Bus verpasst zu haben, obwohl ich nicht einmal weiß, an welcher Haltestelle ich hätte stehen sollen?
Und während ich noch darüber nachdenke, ob das jetzt schon wieder eine Existenzkrise wird, fällt mir auf, dass die Frage mich viel stärker trifft, als sie sollte. Warum eigentlich?
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Die meisten Menschen hören das und denken an Karriere, Reisen und Beziehungen. Ich denke an Überleben. Dabei geht es mir gut. Sogar überraschend gut. Zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit habe ich wieder Energie. Ich schlafe. Ich lache. Ich schmiede Pläne. Zumindest kleine. Und trotzdem fühlt sich diese Zukunftsfrage so an, als würde jemand von mir verlangen, den Grundriss eines Hauses zu zeichnen, während ich noch dabei bin festzustellen, ob der Boden unter meinen Füßen mein Gewicht überhaupt trägt.
Dabei wünsche ich mir genau das: eine Richtung. Etwas, das mir zeigt, wo es langgeht. Eine Vision. Einen Plan. Eine Bestimmung. Meinetwegen auch einen spirituellen Geheimplan des Universums.
Ich habe lange geglaubt, irgendwo tief in mir müsse ein geheimer Zettel versteckt sein, auf dem steht, wer ich bin, was ich will und weshalb ich hier bin. Und solange ich diesen Zettel nicht finde, sende ich vermutlich auf der falschen Frequenz ins Universum. Während andere Menschen längst empfangen.
Ich stelle mir diese Menschen manchmal wie Wandernde mit GPS vor. Sie laufen los und eine freundliche Stimme sagt ihnen: „In 200 Metern bitte links abbiegen.“ Ich dagegen irre mit einer Papierkarte aus dem Jahr 1987 durch einen Wald und versuche herauszufinden, ob der große Fleck auf der Karte ein See oder ein Kaffeefleck ist.
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr lande ich immer wieder an derselben Stelle: Wie soll ich wissen, wo ich mich in zehn Jahren sehe, wenn ich einen Großteil der letzten zehn Jahre damit beschäftigt war, überhaupt bis morgen zu kommen? Die letzten zehn, elf, zwölf Jahre meines Lebens habe ich nicht gelebt, um mich zu verwirklichen. Alles war auf Überleben ausgerichtet. Den Tag. Die Woche. Die Trennung. Die Schuldgefühle. Die Unsicherheit. Die Überforderung. Die Erschöpfung.
Und je länger ich in diesem Überlebensmodus feststeckte, desto weniger interessierte mich die Frage, wer ich in zehn Jahren sein möchte. Meine Gedanken kreisten um ganz andere Dinge: Wie komme ich durch diesen Tag? Wie schaffe ich noch eine Woche? Wie lange kann ich so tun, als wäre alles in Ordnung?
Ich glaube, ich habe viele Jahre darauf gewartet, dass irgendwann der Moment kommt, an dem sich alles von allein sortiert. Dass ich aufwache und plötzlich weiß, wer ich bin. Mit Klarheit. Mit Sicherheit. Mit einem leise klimpernden Windspiel im Hintergrund. Doch leider funktioniert das Leben so nicht.
Was ich stattdessen erlebt habe, war deutlich unspektakulärer. Nach und nach wurde mein Leben leichter. Nicht perfekt. Nicht aufgeräumt. Aber leichter. Und irgendwann bemerkte ich etwas Neues. Die Erschöpfung war nicht mehr das Lauteste in meinem System. Die Überforderung auch nicht. Und genau da begann das nächste Problem.
Denn plötzlich waren wieder alle Gefühle da. Interesse. Sehnsucht. Neugier. Freude. Hoffnung. Wie ein wild gewordener Streichelzoo, der nach Jahren endlich aus seinem Gehege gelassen wurde. Früher dachte ich, Heilung würde bedeuten, dass endlich Ruhe einkehrt. Heute denke ich, vielleicht bedeutet Heilung, wieder genug zu fühlen, um verwirrt zu sein. Sich zu verlieben. Wieder etwas riskieren zu wollen. Vielleicht bedeutet sie, dass das Leben zurückkommt. Mit allem. Mit den schönen Dingen und den schwierigen. Mit Begeisterung und Enttäuschung. Mit Zuversicht und Angst. Mit Möglichkeiten. Es ist ziemlich wild.
Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich die Frage nach den nächsten zehn Jahren überhaupt beschäftigt. Nicht, weil ich die Antwort kenne. Sondern weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit überhaupt wieder Kapazität habe, mir sie zu stellen.
Vielleicht brauche ich keinen Zettel und kein GPS. Vielleicht muss ich nur üben, mich selbst wieder mehr wahrzunehmen. Zu bemerken, was mich anzieht. Was mich berührt. Welche Menschen sich nach Zuhause anfühlen. Welche Gedanken immer wieder zurückkommen. Wovon ich mehr möchte. Wovon weniger.
Ja, vielleicht funktioniert „meine Richtung“ tatsächlich weniger wie ein Navi und mehr wie Topfschlagen: Warm. Wärmer. Noch wärmer. HEIß. Und irgendwann wird mir klar, dass ich die ganze Zeit auf die große Offenbarung gewartet habe, während das Leben mir kleine Hinweise vor die Füße gelegt hat. Immer und immer wieder.
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort, die ich heute auf diese Frage geben kann: Keine Ahnung.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, nicht mehr nach einem Ausgang zu suchen. Sondern nach einem Weg.
