Status quo: Avocado

Ich habe aktuell eine Avocado im Kühlschrank liegen, die mein seelisches Gleichgewicht destabilisiert, und ich weiß, wie das klingt. Ehrlich, niemand findet das absurder als ich selbst.

Wobei „eine Avocado“ der Sache nicht gerecht wird. Diese hier ist keine dieser beliebigen Supermarkt-Avocados, die sofort weich werden, wenn man sie nur anschaut. Nein. Diese Avocado hat eine Hintergrundgeschichte. Mein Sohn hat sie mir aus Spanien mitgebracht. Direkt vom Baum im Garten seiner Gastfamilie gepflückt. Seitdem liegt sie in meinem Kühlschrank und gibt mir erstaunlich wenig Anlass zur Entspannung.

Wochenlang keinerlei Entwicklung. Keine klar erkennbaren Muster. Kein eindeutiger Fortschritt. Sie ist speziell. Langsam. Schwer einschätzbar. Das Timing einer Avocado ist eine Wissenschaft für sich.

Man kauft sie in einem Zustand völliger Verschlossenheit und plötzlich hängt das eigene Wohlbefinden davon ab, ob sie innerhalb eines sehr schmalen Zeitfensters exakt die richtige Konsistenz entwickelt. Zu hart? Frustrierend. Zu weich? Ebenfalls frustrierend. Und dazwischen liegen ungefähr sieben Minuten, in denen alles möglich scheint.

Manche Menschen behaupten, man müsse Avocados einfach in Ruhe lassen. Nicht ständig nach ihnen schauen. Nicht dauernd draufdrücken. Einfach darauf vertrauen, dass der richtige Moment kommen wird. Diese Menschen haben entweder deutlich mehr Selbstkontrolle als ich oder grundsätzlich ein gesünderes Verhältnis zu Obst.

Denn natürlich muss ich meine Avocado regelmäßig überprüfen. Mehrmals täglich. Nicht auffällig. Ich bin ja erwachsen. Ich renne nicht ständig zum Kühlschrank. Ich öffne ihn nur zufällig häufiger als sonst. Wegen der Hafermilch. Oder einem Stück Schokolade. Oder weil ich plötzlich wissen muss, ob wir eigentlich noch Margarine haben.

Dann nehme ich die Avocado kurz in die Hand wie eine Obst-Orakel-Priesterin. Als könnte ich durch ausreichend konzentriertes Draufdrücken irgendeine Form von Klarheit herstellen. Ob sie weicher geworden ist. Ob in der Zwischenzeit vielleicht endlich irgendetwas passiert ist.

Manchmal glaube ich, Fortschritte zu spüren. Ich schwöre, vorgestern war sie noch härter. Gestern gab sie minimal nach. Wirklich nur minimal. Aber genug, um Hoffnung auszulösen. Und Hoffnung ist bekanntlich ein sehr gefährliches Gefühl. Vor allem für Menschen, die keinen grünen Daumen haben.

Das Absurde ist: Ich weiß genau, wie verrückt das klingt. Ich bin keine impulsive Zwanzigjährige mehr. Ich habe Rechnungen, Termine und Rückenprobleme. Ich besitze Kühlakkus. Ich sage Sätze wie: „Da muss ich erst mal in meinem Kalender schauen“ oder „Ich warte noch, bis die Waschmaschine fertig ist.“ Und trotzdem verbringe ich gerade unverhältnismäßig viel Zeit damit, über den Zustand dieser speziellen Avocado nachzudenken.

Vor allem über ihren Reifeprozess. Denn vielleicht liegt genau darin mein Problem mit dieser Avocado. Dass ich nichts beschleunigen kann. Ich kann die Avocado nicht anschreien: „Jetzt werde doch endlich weich!“ Ich kann sie nicht logisch überzeugen. Nicht permanent beobachten, bis der vermeintlich perfekte Zeitpunkt gekommen ist. Nein. Ich muss akzeptieren, dass sie ihr eigenes Tempo hat. Und das ist ausgesprochen frustrierend, wenn man ein eher ungeduldiger Mensch ist und Dinge grundsätzlich gern sofort hätte.

Mich macht zudem dieses Dazwischen verrückt. Dieses vielleicht morgen. Vielleicht braucht sie noch Zeit. Vielleicht passiert gerade etwas, das ich von außen einfach noch nicht sehen kann. Vielleicht sollte ich sie geduldiger behandeln und nicht jede minimale Veränderung sofort überinterpretieren wie jemand, der Horoskope für eine verlässliche Entscheidungsgrundlage hält.

Ich habe auch angefangen, zukünftige Mahlzeiten um eine Möglichkeit herum zu planen. Ich habe bereits die guten Tortillachips gekauft. Frische Tomaten. Hochwertiges Salz. Bio-Limetten. Damit ich vorbereitet bin, falls plötzlich alles gleichzeitig passt. Als könnte ich eine perfekte Guacamole herbeiorganisieren, wenn ich nur rechtzeitig die richtigen Zutaten besorge. Dabei kann ich praktisch seit Wochen den Geschmack von Guacamole auf der Zunge schmecken.

Neulich stand ich nachts um kurz vor zwei vorm offenen Kühlschrank und dachte: Vielleicht ist sie jetzt gut. Vielleicht warte ich zu lange. Vielleicht verpasse ich den perfekten Moment, weil ich die ganze Zeit versuche, ihren Reifeprozess im Blick zu behalten. Ich stand im Schlafanzug in meiner Küche und musste mich dazu zwingen, unverrichteter Dinge wieder ins Bett zu gehen.

Das Problem ist: Sobald etwas Bedeutung bekommt, verliert man jede Würde. Plötzlich wird man zu einem Menschen, der Dinge interpretiert, die wahrscheinlich gar nichts bedeuten. Man analysiert Konsistenzen. Zeiträume. Minimale Veränderungen. Man redet sich ein, komplett rational zu sein, während man innerlich längst in einem Rabbit Hole aus Lagerungstipps und Reifungstabellen verschwunden ist und bereits drei Mal gegoogelt hat, wie lange man einer Avocado realistisch geben sollte, bevor man sie auf gut Glück öffnet.

Und all das macht man, obwohl man genau weiß, dass man sich komplett lächerlich macht.

Vielleicht ist genau das mein Erwachsensein. Nicht, weniger verrückt zu werden. Sondern verrückt zu sein und trotzdem weiter Mails zu beantworten, Einkäufe zu erledigen und nebenbei so zu tun, als würde man nicht emotional von einem Stück Obst aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Die Avocado liegt noch immer im Kühlschrank.

Und ich könnte schwören, sie ist heute etwas weicher als gestern.

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